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Zwei Strategien: „Revolution in der Krebstherapie!“

 

 

 

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Professor Dr. Ugur Sahin, Mainz, erforscht und entwickelt Wirkstoffe, die das körpereigene Immunsystem gegen Tumoren mobilisieren. Er geht davon aus, dass sich damit selbst fortgeschrittene Erkrankungen einmal heilen lassen.

Herr Professor Sahin, wenn Sie die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte Revue passieren lassen, wo sehen Sie die größten Fortschritte in der Onkologie?

Sahin: Die Krebsmedizin hat in sehr vielen Bereichen Fortschritte gemacht. Wir haben heute ein gutes Verständnis von den molekularen und zellulären Mechanismen, die für die Krebsentstehung, das Tumorzellwachstum und die Metastasierung verantwortlich sind. Dies hilft uns, verträglichere Medikamente wie monoklonale Antikörper oder selektive Kinase-Inhibitoren, die gezielt Krebszellen attackieren, zu entwickeln. Weiter haben wir gelernt, dass Krebs in jedem Patienten andere Zelltypen und Mutationen aufweist. Mit Hilfe eines Krebs-Biomarker-Profils lassen sich Behandlungen zunehmend personalisieren. Und schließlich haben wir der Krebsimmuntherapie zu einem Durchbruch verholfen. Sie wird die Behandlung vieler Krebserkrankungen revolutionieren.

Wie funktioniert diese Art der Behandlung?

Sahin: Konzeptionell unterscheiden wir zwei immunologische Therapieformen. Bei der gezielten Krebsimmuntherapie wird das Immunsystem sozusagen auf bestimmte Merkmale der Tumorzellen abgerichtet und kann diese dann gezielt attackieren. Ein Beispiel dafür ist der moniklonale Antikörper Rituximab. Bei den immunmodulatorischen Ansätzen werden bereits bestehende antitumorale Immunantworten verstärkt. Ein Beispiel für diese Behandlungsform ist der CTLA-4-Antikörper Ipilimumab.

 

 

 

 
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Welche Innovationen wird man in den kommenden Jahren aus Ihrem beruflichen Umfeld sehen?

Wir entwickeln monoklonale Antikörper gegen neue Zielstrukturen bei Magen-, Speiseröhren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs sowie bei Ovarial- und Endometriumtumoren. Darüber hinaus prüfen wir rekombinante Impfstoffe gegen verschiedene Krebsarten in frühen Phasen der klinischen Entwicklung. Unser innovativster Behandlungsansatz ist die individualisierte Mutanom-Immuntherapie. Dazu werden über eine Genomsequenzierung zunächst die individuellen Krebsmutationen eines Patienten bestimmt. Anschließend wird aus dem individuellen Mutationsprofil – dem Mutanom – ein maßgeschneiderter rekombinanter Immuntherapie-Impfstoff hergestellt, der das Immunsystem des Patienten spezifisch gegen seine Krebszellen stimuliert.

Was lässt Sie im Zusammenhang mit Immuntherapien von einem Durchbruch sprechen?

Wenn Krebspatienten mit fortgeschrittener Erkrankung auf eine Immuntherapie angesprochen haben, lebt ein signifikanter Teil von ihnen noch viele Jahre nach Therapieende scheinbar krankheitsfrei. Das haben Langzeitstudien gezeigt. Es gibt daher die berechtigte Hoffnung, dass Krebserkrankungen, die früher als infaust eingestuft wurden, prinzipiell durch eine Immuntherapie heilbar sein könnten.

 

 

 

 

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From bench to bedsite: ab wann werden Patienten im klinischen Alltag von den neuen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen einen Nutzen haben?

Während wir sehr gute Resultate in klinischen Studien für verschiedene Krebsarten sehen, sind leider zurzeit potente Immuntherapien in der Regelversorgung nur für Patienten mit schwarzem Hautkrebs verfügbar. In Europa ist hierfür der Antikörper ipilimumab (Yervoy) zugelassen. Wir erwarten für Europa in allernächster Zukunft die Zulassung von anti-PD1 Antikörpern, die bereits in Japan und USA für Patienten verfügbar sind. In 2015 und 2016 erwarten wir die Zulassung dieser Antikörper auch in anderen Krebsindikationen wie z.B. Lungenkrebs. In den kommenden 5 Jahren werden für sehr viele Krebsformen Immuntherapien mit Antikörpern, therapeutischen Impfstoffen und Zelltherapien zum Behandlungsstandard werden. Unser Ziel ist es in diesem Zeitraum auch unsere therapeutischen Antikörper und individualisierten Mutanomimpfstoffe für möglichst viele Krebsformen verfügbar zu machen.

Herr Professor Sahin, vielen Dank für das Gespräch.