Interview

„Wir laufen Gefahr, bald nur noch Zuschauer zu sein!“

Qualitativ hochwertige Grundlagenforschung auf der einen Seite, Unterfinanzierung und Verwertungsdefizite auf der anderen. Professor Dr. Michael Hallek, Köln, sieht im Interview mit Dr. Georg Ralle, Generalsekretär des Netzwerk gegen Darmkrebs, die Onkologie in Deutschland an einem Scheideweg.

 

Netzwerk gegen Darmkrebs: Bevor wir in die Zukunft blicken, zunächst noch ein paar Fragen zum Krebskongresses 2014, der unter Ihrer Regie stattfand. Sie forderten damals unter anderem mehr intelligente Konzepte in der Onkologie. Was haben Sie damit gemeint?

Hallek: Mit intelligenten Konzepten waren solche gemeint, die die interdisziplinäre Zusammenarbeit, Innovationen und eine Individualisierung der Therapie voranbringen.

NgD: Wurden diesbezüglich Fortschritte erzielt?

Hallek: In einigen Bereichen durchaus. Seit es in Deutschland Organ-, Krebs- und onkologische Spitzenzentren der Deutschen Krebshilfe gibt, und die Deutsche Krebsgesellschaft sich um deren Zertifizierung kümmert, nimmt der Vernetzungsgrad zwischen Vertretern verschiedener Fachdisziplinen tatsächlich zu – einfach weil die Kooperation viele Vorteile bringt.

NgD: Das heißt, dass auch die Sektorengrenzen allmählich überwunden werden und das so genannte Silodenken verschwindet. Wie tun Sie Köln dafür?  

Hallek: Dort gibt es seit 2010 das Netzwerk genomische Medizin Lungenkrebs. Wir starteten mit dem Ziel, Lungenkrebspatienten in Nordrhein-Westfalen eine umfassende und qualitativ hochwertige molekulare Diagnostik anzubieten und sie dann einer personalisierten Therapie zuzuführen. Heute arbeiten wir bundesweit mit Krankenhäusern und Praxen verschiedenster Fachrichtungen zusammen, um allen Krebspatienten in Deutschland den sektorenübergreifenden Zugang zu einer innovativen Präzisionsmedizin zu ermöglichen. Die großen Krebszentren müssen das sowieso machen, solche Ansätze werden also auch andernorts verfolgt. Darüber hinaus könnte sich auch der Nachwuchsmangel in manchen Disziplinen als Motor für ein sektorenübergreifendes Arbeiten erweisen. Der macht nämlich das Konkurrenzdenken obsolet. 

NgD: Was hat sich seit dem Krebskongress 2014 in puncto Innovationen getan?

Hallek: Hier sehe ich immer noch großen Nachholbedarf. Wir haben zwar vereinzelt eine sehr gute Grundlagenforschung, aber es fehlt an einem überzeugenden Konzept für die translationale Forschung. Unter anderem arbeiten die Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung daran, medizinische Forschungsergebnisse schneller zur Anwendung zu bringen. Auffallend ist auch, dass innovative Substanzen immer häufiger außerhalb Deutschlands entwickelt werden, meist in den USA. Das ist bedauerlich, denn vor wenigen Jahrzehnten war das noch umgekehrt. Der Grund für diese Trendwende ist meiner Meinung nach, dass wir die Forschung vernachlässigt haben. Dabei gibt es hierzulande durchaus gute strukturelle Bedingungen. Ich würde mir aber wünschen, dass aus Deutschland mehr große Entdeckungen kommen.

NgD: Woran fehlt es denn?

Hallek: Vielleicht an einem gewissen Pragmatismus, Forschungsergebnisse zu verwerten. Wir stehen vor einem Umbruch in der Onkologie und gewinnen unsere Erkenntnisse zunehmend aus Genomanalysen, bei denen enorme Datenmengen entstehen. Um sie auszuwerten, müssen wir Datenbanken in bislang nicht gekanntem Ausmaß miteinander vernetzen. In Deutschland lässt sich das momentan nur schwer verwirklichen. Wir stehen vor vielen Detailproblemen, die den freien Austausch von Informationen verhindern. Wie es gehen kann, zeigt ein Beispiel aus den USA. Dort haben sich große Krebskliniken geeinigt, ihre Daten ans National Institute of Health zu übermitteln, wo sie durch eine Firewall vor unbefugtem Zugriff geschützt sind. Innerhalb dieses Systems können aber alle Partner auf Patientendaten zugreifen, sie mit eigenen Daten kombinieren und auswerten. Wenn das funktioniert – wovon ich ausgehe – dann laufen wir Gefahr, bald nur noch Zuschauer zu sein.

Ein weiterer Aspekt ist die finanzielle Ausstattung der Labors. Die USA investieren viel Geld in die Precision Medicine Initiative, Großbritannien in das 100.000 Genomes Project. Wenn die deutsche Universitätsmedizin finanziell und personell nicht besser ausgestattet wird, kann sie international nicht mithalten. Möglicherweise ist das Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung hier wegweisend. An ihm wird sich zeigen, ob wir künftig eine Rolle spielen oder nicht.

NgD: Ein weitere Ihrer Forderungen ist, Patienten intensiver in die Therapieplanung einzubeziehen, um erfolgreicher agieren zu können. Wie ist die Resonanz darauf?

Hallek: Das ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Krebsbehandlung. Die Resonanz ist positiv.

NgD: Bleiben wir beim Patienten: Inwieweit ist es in Deutschland gelungen, die Psychoonkologie in der Regelversorgung zu verankern und damit auch sicherzustellen, dass die in diesem Zusammenhang entstehenden Kosten von den Kassen übernommen werden?

Hallek: Die Psychoonkologie hat leider immer noch keine Regelvergütung. Das muss sich ändern.

NgD: Werfen wir einen Blick auf den Krebskongress 2016. Das Motto lautete Krebsmedizin heute: präventiv, personalisiert, präzise und partizipativ. Wo erwarten Sie besonders interessante Schwerpunkte?

Hallek: Ich bin vor allem auf die Inhalte zur Partizipation gespannt. Frau Eggert, die Kongresspräsidentin, kommt aus der Kinderonkologie. Dort hat die Partizipation traditionell einen hohen Stellenwert. Hier können wir in der Erwachsenen-Onkologie sicher etwas lernen Die Inhalte zur personalisierten Medizin werden vermutlich das fortsetzen, was wir als individualisierte Medizin bereits auf dem Krebskongress 2014 als ein Schwerpunktthema hatten. Es zeichnete sich schon damals deutlich ab, dass Therapieentscheidungen für immer kleinere Patientengruppen gelten.

NgD: Nach dem Motto des Krebskongresses soll die Krebsmedizin auch präventiv sein. Erfahrungen und Daten zeigen jedoch, dass es schwierig ist, die Menschen zur Teilnahme an Früherkennungs- und Vorsorgemaßnahmen für bösartige Krankheiten wie Darmkrebs zu motivieren. Wie könnten wir auf diesem Weg schneller vorankommen?

Hallek: Das ist ein heikles Thema, denn die einzige Krebserkrankung, bei der ich Früherkennungs- und Vorsorgemaßnahmen für einigermaßen gut validiert halte, ist das Kolorektalkarzinom. Hier zeigen immer mehr Daten, dass eine Vorsorge Leben retten kann, ohne dass dieser Effekt etwa durch unverhältnismäßig viele Überdiagnosen verzerrt wird. Bei anderen Krebserkrankungen können künftig risikoadaptierte Programme sinnvoll sein, nicht aber populationsbasierte, bei denen die gesamte Bevölkerung gescreent wird. Derzeitige Daten rechtfertigen ein solches Vorgehen nicht mehr.

NgD: Abschließend noch eine Frage an den Arzt Michael Hallek, der sich bei allem gesundheitspolitischem und berufspolitischem Engagement einen großen Teil seiner Arbeit für seine Patienten freihält: Was wünschen Sie sich im Sinne Ihrer Patienten am dringlichsten?

Hallek: Ich denke da an zwei Dinge. Das eine sind bessere Behandlungsoptionen, die dazu führen, dass Krebserkrankungen geheilt oder wenigstens kontrolliert werden können. Ich erlebe immer wieder, welche Angst die Diagnose bei den Patienten auslöst, weil sie davon ausgehen, dass sie ihr Leben deswegen verlieren könnten.  Und bei knapp der Hälfte ist das ja auch so – nicht von heute auf morgen, aber innerhalb weniger Jahre.

Das zweite, was ich mir wünsche, ist noch mehr Zeit für die Patienten zu haben. Wir arbeiten in ökonomisch optimierten Institutionen und sind ja oft nicht nur Ärzte, sondern nebenbei auch Forscher und Manager. Patienten  wollen aber einen Arzt an ihrer Seite haben, der genug Zeit für sie hat. Das ist ein Wunsch, den sie selbst immer wieder äußern: Dass Ärzte mehr Zeit haben, um ein ruhiges Gespräch zu führen. Daher müssen das Gespräch und die Strategiefindung wieder einen höheren Stellenwert im Klinikalltag haben. Dafür werde ich mich einsetzen.

Herr Professor Hallek, vielen Dank für das Gespräch.