Interview

„Prävention und Gesundheitsförderung in den Betrieben sind ein Markenkern unserer Kassenart!”

Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbandes, sieht beim neuen Präventionsgesetz sowohl Licht als Schatten. Angesichts der demografischen Veränderungen in unserer Gesellschaft begrüßt er im Interview mit Dr. Georg Ralle, Generalsekretär des Netzwerk gegen Darmkrebs e.V., vor allem den gestiegenen Stellenwert der betrieblichen Gesundheitsförderung.

Netzwerk gegen Darmkrebs: Nachdem die Große Koalition einen langen Anlauf genommen hat, liegt nun seit einigen Monaten das Präventionsgesetz vor. Ist das jetzt der erwartete „große Wurf“, bzw. wo sehen Sie Stärken und Schwächen des Präventionsgesetztes?

Franz Knieps: Nach mehreren gescheiterten Anläufen ist es grundsätzlich erfreulich, dass nun endlich ein Präventionsgesetz verabschiedet werden konnte. Angesichts des demographischen Wandels und dem damit verbundenen Anstieg chronischer Erkrankungen, dem nicht allein durch medizinisch kurative Maßnahmen begegnet werden kann sowie den veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen, ist es richtig, der Gesundheitsförderung und der Prävention einen größeren Stellenwert einzuräumen.

Der „große Wurf“ ist es leider nicht geworden, aber es finden sich viele positive Ansätze. Dass künftig mehr Geld in den Bereich der Lebenswelten, wie Kita, Schule oder Kommune fließen soll ist wichtig, da dies dazu beiträgt, sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen zu verringern. Als Betriebskrankenkassen begrüßen wir es zudem, dass der Zugang von allen Betrieben zur Betrieblichen Gesundheitsförderung und Vorsorge verbessert werden soll. Ebenso eröffnet die Stärkung der Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit, dass die Früherkennung von Erkrankungen optimiert und durch eine sinnvolle Verzahnung die Versorgung der Versicherten verbessert wird.

Eine große Schwäche ist darin zu sehen, dass das Gesetz bei der Finanzierung allein die gesetzliche Krankenversicherung in die Pflicht nimmt. Zwar wird im Präventionsgesetz die Prävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden, das schlägt sich jedoch nicht in der finanziellen Beteiligung aller wichtigen Akteure nieder, da die Mehrausgaben lediglich von der GKV und der Sozialen Pflegeversicherung getragen werden.

Auch die Einbindung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist aus ordnungspolitischen Gründen kritisch zu sehen, da sich nun der Haushalt der BZgA zu einem erheblichen Teil aus Sozialversicherungsbeiträgen speisen soll. Eine solche Quersubventionierung einer dem Bundesministerium für Gesundheit nachgeordneten obersten Bundesbehörde entlässt damit den Bund aus der Verantwortung, seine Behörden entsprechend selbst zu finanzieren.

NgD: Die in Ihrem Dachverband zusammengeschlossenen Betriebskrankenkassen sind traditionell einer der wichtigsten Partner für betriebliche Gesundheitsvorsorge, ein Bereich, der vor dem Hintergrund des demographischen Wandel und vieler weiterer Faktoren immer wichtiger wird. Sehen Sie diese Thematik ausreichend berücksichtigt?

Knieps: Durchaus. Die Arbeitswelt ist für die Betriebliche Gesundheitsförderung ein ganz zentrales Setting. Nicht nur, dass wir einen großen Teil unseres erwerbstätigen Leben am Arbeitsplatz verbringen und den positiven wie auch negativen Einflüssen dort ausgesetzt sind. Die Menschen sollen insgesamt länger arbeiten und zugleich wird der Anteil an älteren Arbeitnehmern steigen. Hier bedarf es vielfältiger abgestimmter Maßnahmen, um dies zu ermöglichen. Im Präventionsgesetz wird die Betriebliche Gesundheitsförderung explizit benannt und der Betrag, der für die Betriebliche Gesundheitsförderung ausgegeben werden soll, wird auf 2€ angehoben, was diese Anliegen befördert. Die Betriebskrankenkassen haben schon in der Vergangenheit über 1,10 Euro pro Versichertem in die betriebliche Gesundheitsförderung in Unternehmen investiert und damit den Richtwert der vergangenen Jahre überschritten.

Zudem ist es ausgesprochen positiv, dass künftig mehr dafür getan werden soll, den Zugang speziell von kleinen und mittelständischen Betrieben (KMU)zu Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung auszubauen, die den Hauptanteil an Betrieben in Deutschland ausmachen. Auch in diesem Bereich haben sich die Betriebskrankenkassen einen Namen gemacht, z.B. mit dem von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geförderten Projekt „Gesund.Stark.Erfolgreich. Der Gesundheitsplan für Ihren Betrieb“.

NgD: In der Vergangenheit konnte man sich oft nicht des Eindrucks erwehren, betriebliches Gesundheitsmanagement sei primär ein Aktionsfeld für die großen Unternehmen wie BASF et al, die mit hervorragenden Programmen, beispielhaftes für ihre Belegschaft leisten. Andererseits beschäftigen die KMUs in Deutschland fast 70% der Arbeitnehmer, ohne oftmals eine eigene betriebsärztliche Abteilung oder ähnliches zu haben. Wie kann man es schaffen, das betriebliche Gesundheitsvorsorge und Prävention auch bei den KMUs und am Arbeitsplatz des Einzelnen ankommt?

Knieps: Wichtig ist, KMU davon zu überzeugen, dass betriebliche Gesundheitsförderung kein „Luxusthema“ ist und zwangsläufig viele Ressourcen bindet. KMU müssen erkennen können, dass Betriebliche Gesundheitsförderung sehr eng mit Themen verknüpft sind, die einen großen Teil ihrer Alltagsprobleme ausmachen, wie Wettbewerbsfähigkeit, Fachkräftemangel oder alternde Belegschaften. Hier gilt es geeignete Konzepte zu entwickeln, um speziell diese Betriebe zu erreichen, wie es z.B. das bereits erwähnte Projekt „Gesund.Stark.Erfolgreich.“ vorgenommen hat. Das Projekt wurde vom BKK Dachverband gemeinsam mit mehreren Mitglieds-BKK entwickelt und in Kooperation mit anderen Kassenarten und Organisationen der Wirtschaft durchgeführt. In dem Projekt wurde ein neuer Weg eingeschlagen und Informationsveranstaltungen gemeinsam mit regionalen Partnern, die über einen guten und oftmals vertrauensvollen Zugang zu Betrieben verfügen, durchgeführt. Flankiert werden die Veranstaltungen durch spezifische Materialien, die für KMU entwickelt wurden.

NgD: Beim Thema Vorsorge und Prävention gibt es eher zu viel, als zu wenig Projekte, von denen nicht alle in die Regelversorgung überführbar sind, bzw. es an Nachhaltigkeit vermissen lassen. Gibt es aus Ihrem Haus so etwas wie ein „Pflichtenheft“ für neue Projekte, damit diese auch langfristig erfolgreich sind und einen erkennbaren Nutzen für den Patienten bringen?

Knieps: Grundlage aller geförderten Projekte ist der Leitfaden Prävention. Darin wird besonders auf Nachhaltigkeit und Evaluation gesetzt. Das Präventionsgesetz erlaubt es jetzt auch, innovative Modellprojekte im Rahmen der BGF durchzuführen. Durch den jahrzehntelangen Erfahrungsschatz der BKK in diesem Feld und die ständige Weiterentwicklung von strategischen Ansätzen sind wir permanent dabei die Betriebliche Gesundheitsförderung nachhaltig und wirksam zu gestalten. Im Rahmen der Initiative Gesundheit und Arbeit (iga) haben wir den iga-Report 28 veröffentlicht, in dem genau die Wirksamkeit und der Nutzen betrieblicher Prävention beschrieben wird. Darin findet sich eine Zusammenstellung der wissenschaftlichen Evidenz von 2006 bis 2012.

NgD: Macht es aus Ihrer Sicht langfristig Sinn, Mittel für Präventionsprogramme zum überwiegenden Teil von den Beitragszahlern der Krankenkassen finanzieren zu lassen? Ist Prävention nicht eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die auch gemeinsam angepackt werden muss?

Knieps: Absolut. Jeder Akteur hat für sein Ressort die Verantwortung die Lebens- und Arbeitsbedingungen gesundheitsförderlich zu gestalten. Was schon 1986 in der Ottawa Charta Thema war, gilt auch heute. Es bedarf einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik und ein eindeutiges politisches Engagement für Gesundheit, damit Chancengleichheit in allen Bereichen zustande kommt. Die GKV kann da nur zu einem gewissen Teil ihren Beitrag leisten.

NgD: Einige Kassen sind dabei, spezielle Angebote für ihre Mitglieder zu entwickeln, die darauf hinauslaufen, dass der Einzelne über Mobile Devices kontinuierlich seine Gesundheitsdaten zur Auswertung und Speicherung zur Verfügung stellt. Der Vorteil eines solchen Angebotes soll für den Versicherungsnehmer darin bestehen, dass er sich zu deutlich günstigeren Konditionen versichern kann und regelmäßige Rückmeldungen zur gesunden Lebensführung enthält. Wenn wir den datenschutzrechtlichen Aspekt für einen Augenblick ausklammern, was halten Sie von derartigen Angeboten?

Knieps: Wenig. Die gesetzliche Krankenversicherung ist nach wie vor vom Solidarprinzip bestimmt, bei der Beitragsgestaltung spielen Risikofaktoren des Versicherten keine Rolle. Eigenanstrengungen der Versicherten durch gesunde Lebensführung und der Betriebe durch Betriebliches Gesundheitsmanagement dürfen eben mit (begrenzten) Bonus-Anreizen belohnt werden.

NgD: In der Krebsvorsorge gibt es in den letzten Jahren eine ganze Reihe von wichtigen Erfolgsmeldungen: die breite Allianz gegen Rauchen zeigt erste Ergebniss, die Vorsorge-Untersuchungen zum Cervix-Carzinom sind wichtiger Bestandteil der Prävention geworden, nur beim Darmkrebs tun wir uns nach wie vor schwer, weil das Thema „familiäres Risiko beim Darmkrebs“ noch nicht in allen Köpfen der Entscheidungsträger in der Gesundheitspolitik angekommen ist. Wie müsste eine Strategie aussehen, damit wir mittelfristig die nach wie vor völlig inakzeptable Zahl von fast 70.000 Neuerkrankungen signifikant senken können?

Knieps: Die Folgen nachlässiger Vorsorge sind alarmierend: 27.000 Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen von Darmkrebs, obwohl Vorsorgeuntersuchungen bei den gesetzlichen Krankenkassen Teil des Leistungskatalogs sind. Leider gehen bislang zu wenige Menschen zur Früherkennung, deswegen müssen und wollen wir motivieren. Denn Darmkrebs ist heilbar, wenn er rechtzeitig erkannt wird!

Darauf setzt das „Aktionsbündnis gegen Darmkrebs“, an dem derzeit 64 Betriebskrankenkassen beteiligt sind. Das Einzigartige des Bündnisses ist es, dass den 55-jährigen Versicherten im Einladungsschreiben zur Koloskopie alternativ ein kostenloser immunologische Stuhltest angeboten wird, falls sie sich nicht zur Darmspiegelung entschließen können. Der immunologische Stuhltest ist viel genauer ist als der bislang von der GKV finanzierte und verwendetet 30 Jahre alte Haemoccult – Papierstreifentest. Er bietet eine sichere Chance, Vorerkrankungen und gegeben falls Darmkrebs im Frühstadium zu erkennen.

Damit nicht genug, in die Darmkrebs-Prophylaxe werden auch die Gruppe der 50- bis 54 jährigen Versicherten einbezogen. Sie werden ebenfalls schriftlich über das Thema Darmkrebsvorsorge informiert, verbunden mit der Empfehlung, sich einen immunologischen Stuhltest zusenden zu lassen.

Das „Aktionsbündnis gegen Darmkrebs“ versucht darüber hinaus auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz anzusprechen. Prävention und Gesundheitsförderung in den Betrieben werden immer wichtiger und sind ein Markenkern unserer Kassenart.

Hinter all diesen Aktivitäten steht das übergeordnete Ziel, die Zahl der Darmkrebstoten deutlich zu reduzieren, zumindest aber die Versicherten durch eine persönliche Ansprache zum Nachdenken über Darmkrebsprävention zu bewegen. Damit greift das „Aktionsbündnis gegen Darmkrebs“ ein zentrales Anliegen des Nationalen Krebsplanes auf und ist damit Anstoß für die Bundesregierung das bestehende Darmkrebsfrüherkennungsangebot in den kommenden drei Jahren zu einem organisierten Programm mit einem persönlichen Einladungsverfahren weiterzuentwickeln. Die Beratungen im Gemeinsamen Bundesausschuss über die inhaltliche und organisatorische Ausgestaltung des künftig bundesweit einheitlichen Darmkrebsfrüherkennungsprogramms haben begonnen. Das „Aktionsbündnis gegen Darmkrebs“ ist ein erfolgreiches Modellprojekt, das wichtige, fachliche Impulse für die derzeitige Beratung des Gemeinsamen Bundesausschuss gibt und hoffentlich bald zur neuen Regelversorgung führt.

NgD: Zum Schluss noch eine kurze Frage an den Mitbürger Franz Knieps: Wie sieht Ihr persönlicher Ratschlag zum Thema Prävention und Gesundheitsvorsorge aus?

Knieps: Gesundes Essen, gutes Zeitmanagement, Stressabbau.

 

Herr Knieps, vielen Dank für das Gespäch.