Interview

Niedergelassene Onkologen nehmen ihren Versorgungsauftrag ernst und sichern die Qualität

Interview mit Professor Dr. Stephan Schmitz, Vorsitzender des Berufsverbandes der niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland e.V.

Netzwerk gegen Darmkrebs: Im zurückliegenden Jahr feierte der BNHO sein 15-jähriges Bestehen und ist damit im Verhältnis zu anderen, medizinischen Berufsverbänden ein noch recht junger Verband. Was waren seinerzeit die Gründe einen eigenständigen Verband für die niedergelassenen Onkologen ins Leben zu rufen?

Professor Schmitz: Die ambulante Onkologie hat sich in den letzten 15 Jahren rasant entwickelt. Als der  BNHO gegründet wurde, gab es ca. 150 niedergelassene Onkologinnen und Onkologen. Die Gruppe wurde immer größer, war aber als Berufsverband nicht organisiert.  Wir brauchten eine sprachfähige Organisation für die niedergelassenen Onkologen, um deren Interessen gegenüber  den wissenschaftlichen Fachgesellschaften, der gesundheitspolitischen Öffentlichkeit und der Politik zu vertreten. Seither fungiert der BNHO als Sprachrohr für die niedergelassenen und zugleich  als Anwalt für die Patienten.  Dabei finanziert sich der BNHO  seit seiner Gründung ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge. Jede  Zusatzfinanzierung würde die Unabhängigkeit des Berufsverbandes beeinträchtigen.

NgD: Wenn Sie heute auf den BNHO schauen, welche der ursprünglichen Ziele haben Sie erreicht und wo sind noch große „Baustellen“?

Prof. Schmitz: Zuallererst  haben wir erreicht, dass wir als “niedergelassene“ Onkologen als Gruppe sichtbar sind und der BNHO  als anerkannter und seriöser Gesprächspartner der Fachgesellschaften, der Patientenorganisationen, der Selbstverwaltung, der Politik, anderer Berufsverbände und  der kassenärztliche Vereinigungen geschätzt wird. Grundsätzlich ist  Berufs- und Gesundheitspolitik ein kontinuierlicher dynamischer  Prozess und insofern eine fortwährende „Baustelle“. Es gibt natürlich nichts, was man noch verbessern könnte. Wir  würden uns freuen, wenn die Politik und auch die Krankenkassen, die engagierte Leistung, die die niedergelassenen Onkologen jeden Tag für die Versorgung der Krebskranken in Deutschland leisten, noch mehr anerkennen würden.

NgD: Wenn man die Prognosen des Deutschen Krebsforschungszentrum DKFZ in Heidelberg liest, dann erwarten wir auf Grund der deutlich gestiegenen Lebenserwartung der Bevölkerung eine signifikante Steigerung von Krebserkrankungen. Sind wir den damit verbundenen Herausforderungen im Sinne einer hochqualifizierten und flächendeckenden Versorgung gewachsen, oder was müsste aus Ihrer Sicht noch unbedingt getan werden?

Prof. Schmitz: Die hochqualifizierte und flächendeckende Versorgung ist eine Herausforderung. Seit vielen Jahren wird in diesem Rahmen diskutiert, ob man die Versorgung eher zentral oder dezentral organisieren sollte.  Unser Petitum ist ganz klar die dezentrale Versorgung.  Dabei bilden wir niedergelassenen Hämatologen und Onkologen einen sehr wichtigen Bestandteil dieses Versorgungskonzeptes. Doch letztlich ist es natürlich der Dreiklang  aus niedergelassenen Onkologen, Krankenhäusern der Regelversorgung und Comprehensive  Cancer Center, der die flächendeckende und hochqualifizierte Versorgung für jeden Krebserkrankten in Deutschland garantiert.

NgD: Ein damit eng verbundenes Thema ist die Frage der Weiterbildung für die Onkologen, spez. auch der in Ihrem Verband niedergelassenen Kollegen. Welche Initiativen haben Sie gestartet, damit die neuen diagnostischen und therapeutischen Methoden und Verfahren so rasch wie möglich im ärztlichen Alltag ankommen?

Prof. Schmitz: Wir setzen uns für die weitere Entwicklung von Innovationsnetzwerken ein. Klinisch relevante Forschungsergebnisse müssen für die Patienten zentrifugal in die onkologische Versorgungstruktur verbreitet werden. Das ist ohne eine gute Kooperation zwischen den niedergelassenen Onkologen und  CCC nicht zu leisten.  Die Beteiligung an klinischen Studien ist ein hochwirksames Werkzeug, den Innovationstransfer zu organisieren und sicher zu stellen. Die klassische Weiterbildung  ist weiter die Domäne der DGHO und der Deutschen Krebsgesellschaft sowie der internationalen Fachgesellschaften. In all diesen Gesellschaften sind die niedergelassenen Onkologen Mitglied. Wie wir aus den Erhebungen unseres  Wissenschaftlichen Instituts der Niedergelassenen Onkologen und Hämatologen (WINHO GmbH) wissen, sind die Weiterbildungsaktivitäten der BNHO-Mitglieder außerordentlich groß. Darüber hinaus hat der BNHO  gemeinsam mit einer Landesärztekammer und einer KV unter Federführung des WINHO ein neues Fortbildungskonzept für Medizinische Fachangestellte entwickelt.

NgD: Der zurückliegende Krebskongress in Berlin stand im Zeichen der „4P“: Präventiv, Personalisiert, Partizipativ und Präzise soll die Krebsmedizin in der Zukunft sein. Bei welchem „P“ sehen Sie in Deutschland den größten Handlungsbedarf?

Prof. Schmitz: Es gibt unter diesem Aspekt Herausforderungen: Prävention und die zukünftige zunehmende  Zahl an Krebserkrankten. Prävention ist eine medizinische aber auch eine gesellschafts- und sozialpolitische Herausforderung. Die größte Herausforderung in der Onkologie ist der durch den demografischen Effekt bedingte Anstieg Krebserkrankter. Wenn wir die Versorgung dieser Patienten auf dem gleich hohen Qualitätsniveau halten wollen, wie das derzeit noch in Deutschland gegeben ist, dann  sollten wir die dezentrale Versorgung forcieren.  Noch mal: Wir werden die Herausforderungen nur gemeinsam meistern, wenn wir alle Kräfte in der onkologischen Versorgung nach ihren Stärken optimal einsetzen. Eine Gruppe aus dem Dreiklang zu schwächen, wäre wirklich fahrlässig.

NgD: In letzter Zeit wurde unter dem Stichwort „Sektorenübergreifende Versorgung“ viel über die dringend notwendige Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Fachärzten und Kliniken diskutiert. Wie sind die Überlegungen des BNHO zu diesem Thema?

Prof. Schmitz: Onkologie ist für die Patienten seit vielen Jahren eine interdisziplinäre und sektorübergreifende Veranstaltung. Die knapp 600 im BNHO organisierten Onkologen/innen arbeiten sehr eng und vertrauensvoll  mit den Krankenhauskollegen zusammen.  Es gibt über 700 schriftliche  Kooperationsverträge zwischen niedergelassenen  Onkologen und Krankenhäusern.  Wir leben schon seit vielen Jahren den nationalen Krebsplan, der für die Versorgung Krebskranker ein Netz von qualifizierten und gemeinsam zertifizierten, interdisziplinären und transsektoralen Einrichtungen vorsieht.  Das passt hundertprozentig zu unserem dezentralen  Konzept. In dieses Konzept reiht sich natürlich auch die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) ein. Sie ist zwar ein neuer Sektor, trifft aber auf bereits etablierte Strukturen von Kooperationen und Netzwerken. Sie bietet die Möglichkeit, diese bestehenden Kooperationen weiter zu verbessern und verpflichtet zu noch mehr vernetzter interdisziplinärer Zusammenarbeit.

NgD: Jedes Jahr im Frühsommer blickt die onkologische Fachwelt mit Interesse nach USA zum ASCO, dem weltgrößten Krebskongress. Gibt es aus Ihrer Sicht diesmal einen wirklichen Durchbruch in Diagnostik und/oder Therapie beim Kampf gegen den Krebs?

Prof. Schmitz: Ich gehe davon aus, dass auch beim diesjährigen ASCO Kongress die Immuntherapie weiter einen  großen Stellenwert haben wird. Insofern war der „Durchbruch“  – wenn überhaupt – letztes Jahr. Krebs ist ein so heterogenes Krankheitsbild, dass man eigentlich nie einen Durchbruch beim Kampf gegen alle Krebserkrankungen erwarten kann. Wenn sie jeden Tag Krebspatienten in der Sprechstunde sehen, dann werden sie mit Heilsversprechungen etwas zurückhaltend.

NgD: Da wir gerade bei den USA sind: was können wir in Deutschland von den Kollegen in den USA lernen, wo ist die Krebsmedizin weiter und erfolgreicher?

Prof. Schmitz: Die Spitzenforschung mag in den USA besser sein als in Deutschland. Die medizinische Versorgung der breiten Bevölkerung ist in Deutschland – insbesondere in der Onkologie – deutlich besser als in den USA. In Deutschland ist der Zugang zur onkologischen medizinischen Versorgung für jedermann – unabhängig von seinem sozialen Status oder finanziellen Möglichkeiten – nicht nur theoretisch sondern auch faktisch garantiert. Ich halte  das für eine der größten Errungenschaften unseres Gemeinwesens. Dafür stehen die niedergelassenen Onkologen und Hämatologen in Deutschland ein. Wir sind häufig die ersten, die für die Patienten gegen jede Rationierung in der Onkologie aufstehen. Und wir wollen auch in Zukunft für jeden Patienten einen niederschwelligen, auch sozial barrierefreien Zugang zum qualifizierten Facharzt, keine Wartezeiten, keine  Zweiklassenmedizin und Zugang zu Innovationen.

NgD Last but not least ist der „beste“ Krebs der, den man erst gar nicht bekommt. Obwohl es inzwischen wissenschaftlich belegt ist, dass bei bestimmten Krebserkrankungen, wie z.B. Darmkrebs, ein signifikantes, familiäres Risiko besteht, gibt es immer noch keine wirklich ausreichenden Präventionsmaßnahmen. Welche Initiativen könnten aus Ihrer Sicht hilfreich sein, dieses Problem in den Griff zu bekommen?

Prof. Schmitz: Dort, wo das Risiko an Krebs zu erkranken  durch Präventivmaßnahmen vermeidbar ist, sollten wir noch mehr machen. Es sollte mehr Aufklärung, es sollten mehr Anreize für Präventionsmaßnahmen geben, aber keinen Zwang. Zur Zeit wird eine Initiative unter anderem unter Beteiligung unseres Berufsverbandes auf den Weg gebracht, die für Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen sowie für Patienten mit einem familiären Risiko für Darmkrebs ein völlig neues Versorgungsangebot bietet. Durch die Integration aller notwendigen ärztlichen Fachgruppen kann die frühzeitige Erkennung des familiären Risikos sichergestellt werden.

 

Herr Professor Schmitz, vielen Dank für das Gespräch.