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Bluttest statt Stuhltest? Endlich ein Silberstreifen am Horizont – Stationen auf dem steinigen Weg zur Darmkrebsfrüherkennung mittels Blutprobe durch den Hausarzt

Thomas Seufferlein, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin, Universitätsklinikum Ulm, im Gespräch mit dem Netzwerk gegen Darmkrebs e.V. zu den Themen Prävention, Vorsorgemuffel und neuen Testverfahren zur Früherkennung von Krebs.

Netzwerk gegen Darmkrebs: Nach jahrelangen Beratungen ist 2015 endlich ein Präventionsgesetz beschlossen worden, das in den Bereichen Vorbeugung gegen Krankheiten (Prävention), Gesundheitsförderung und Früherkennung von Krankheiten zahlreiche Maßnahmen beinhaltet. Trotzdem ist es bis heute nicht gelungen, sinnvollen Präventionsmaßnahmen wie z.B. der bundesweiten, verpflichtenden Impfung gegen Masern, zum Durchbruch zu verhelfen – wie lässt sich das erklären?

Prof. Thomas Seufferlein: Ich denke, Prävention ist als Konzept noch immer nicht ausreichend der Bevölkerung vermittelt worden. Bei verpflichtenden Maßnahmen gibt es zudem von vielen Seiten Widerstände und beim Thema Impfung in Deutschland –leider immer noch und anders als im europäischen Ausland – hohen Diskussionsbedarf.

NgD:  Den größten Erfolg in Sachen Prävention verdanken wir (lange vor in Kraft treten des Präventionsgesetzes) der konsequenten, jahrelangen Arbeit des DKFZ zum Thema Rauchen. Die Heidelberger Wissenschaftler haben nachdrücklich vor den Gefahren des Rauchens, als Risikofaktor Nr. 1 im Bereich Herz-Kreislauf und onkologischen Erkrankungen gewarnt und „alle Hebel in Bewegung gesetzt“, damit das Thema in der Gesundheitspolitik ankommt. Trotzdem ist Tabakwerbung in Deutschland (als einziges Land in der EU, das nach wie vor massive Werbung für Tabak zulässt) in perfider Form allgegenwärtig, die vor allem junge Menschen anspricht.

Seufferlein: Ich stimme mit ihnen überein, dass wir bei der Tabakwerbung kompromisslos sein müssen. Die neuen Aufdrucke auf den Zigarettenpackungen mögen den einen oder anderen vom Rauchen abhalten, ein Verbot der Tabakwerbung ist angesichts der Gefahren des Rauchens aber überfällig.

NgD: Jährlich erkranken in Deutschland rund eine halbe Million Menschen an Krebs. Wenn wir den „Risikofaktor“ Alter einmal außer Acht lassen, was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Trigger, d.h. wo muss Prävention deutlich intensiviert werden?

Seufferlein: Wir müssen die Akzeptanz von und das Wissen um Prävention erhöhen. Viele Menschen meinen immer noch, es sei nicht nötig zur Vorsorge zu gehen, wenn man keine Beschwerden hat – das Gegenteil ist natürlich der Fall. Ein weiterer, wichtiger Faktor ist unsere Lebensweise – zu wenig Bewegung, Übergewicht und eine teilweise ungesunde Zusammensetzung der Ernährung mit zu viel rotem Fleisch und zu wenig Obst und Gemüse. Krebs ist in vielen Fällen in der westlichen Welt auch eine Zivilisationskrankheit. Wir müssen Menschen – insbesondere auch jungen Menschen – diese Erkenntnisse näherbringen und frühzeitig Maßnahmen zur Förderung einer gesunden Lebensweise aufzeigen, am besten schon in den Schulen.

NgD: Kommen wir zu den „Vorsorgemuffeln“, den deutschen Männern, die mit großer Selbstverständlichkeit ihr Fahrzeug regelmäßig zum TÜV bringen, aber nach wie der Gesundheitsvorsorge einen eher geringen Stellenwert einräumen. Gibt es ein „Patenrezept“, ggf. in Form von Bonusprogrammen o.ä., wie man zu besseren Teilnahmeraten bei Vorsorgeuntersuchungen kommen könnte? Was sollten wir von unseren europäischen Nachbarn lernen?

Seufferlein:
Das starke Geschlecht ist hier wirklich schwach. Ich denke, Vorbilder können hier sehr positiv wirken, wie z.B. Kampagnen der Felix Burda Stiftung gezeigt haben. Auch regionale Aktionen wie „1000 mutige Männer“, die an den Sportsgeist appellieren, sind erfolgreich. Eine zusätzliche Aufforderung durch ein Einladungsverfahren, wie es in anderen europäischen Ländern bereits seit längerem durchgeführt wird, halte ich ebenfalls für hilfreich.

NgD: Alle wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Darmkrebs zeigen, dass die Krankheit bei der Diagnose in einem frühen Stadium so gut wie vollständig geheilt, bzw. vermieden werden kann. In Rahmen einer Koloskopie können Polypen und/oder Adenome erkannt und entfernt werden, so dass der Patient mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Darmkrebs bekommen wird. Trotz der großen Zahl von Vorsorgeuntersuchungen gehen jedoch immer noch viel zu wenig Menschen zur Vorsorge, so dass die Kassen ab 2017 alle Versicherten über 50 Jahre zur Vorsorge einladen werden. Wird es aus Ihrer Sicht einen „Ansturm“ von Patienten geben und wenn ja, sind die Gastroenterologen darauf vorbereitet?

Seufferlein: Wir haben in Deutschland in den vergangenen Jahren seit Einführung der Vorsorgekoloskopie mehrere Millionen Menschen erfolgreich im Rahmen der Vorsorgekoloskopie untersucht. Viele Menschen erhalten auch wegen Beschwerden, z.B. Blut im Stuhl, außerhalb der Darmkrebsvorsorge eine Koloskopie, so dass die Gesamtzahl der mittels Koloskopie gescreenten Menschen im Alter von 55 bis 75 Jahren gar nicht so klein ist. Trotzdem hoffen wir alle, dass durch das Einladungsverfahren das Interesse an einer Teilnahme an der Darmkrebsvorsorge steigt. Die Gastroenterologen sind darauf gut vorbereitet. Im Einzelfall kann es zu Wartezeiten für Koloskopien kommen, die aber im Bereich von wenigen Wochen liegen dürften. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass wir durch das Einladungsverfahren nicht nur einen einmaligen Ansturm, sondern eine nachhaltige Erhöhung der Beteiligungsrate der Berechtigten an der Darmkrebsvorsorge erreichen.

NgD: Zahlreiche Menschen lehnen die Koloskopie ab, da es sich um einen invasiven Eingriff handelt. Sei es, dass medizinische Gründe vorliegen, sei es, dass der Einzelne Angst vor der Untersuchung hat. Könnte die Alternative eine Kapselkoloskopie sein und welche Erfahrungen/Ergebnisse liegen zu dieser Methode vor?

Seufferlein: Häufiger Grund für die Ablehnung einer Koloskopie ist die Vorbereitung durch eine Darmspülung, die erreichen soll, dass der Darm komplett sauber ist und dadurch alle Veränderungen im Darm, insbesondere Polypen, entdeckt werden. Die Darmspülung ist aber bei einer Kolonkapseluntersuchung ebenfalls erforderlich und muss sogar noch intensiver sein, da die Möglichkeit fehlt, Verschmutzungen vor Ort wegzuspülen, was mit dem Koloskop dagegen gut möglich ist. Die Kapselendoskopie liefert – wenn der Darm entsprechend sauber ist – hervorragende Bilder und eignet sich zum Auffinden von Polypen. Allerdings hat die Untersuchung den Nachteil, dass man eine Koloskopie anschließen muss, wenn Polypen entdeckt werden. In meinen Augen ist daher die Kapselendoskopie als Vorsorgemaßnahme ein Reserveverfahren.

NgD: Inzwischen kommt der alte Gujak-basierte Test in der Darmkrebsvorsorge nicht mehr zum Einsatz. Stattdessen wird der neue immunchemische Test angewandt. Gibt es schon Hinweise darauf, dass sich die Früherkennung von Darmkrebs dadurch verbessert hat?

Seufferlein: Die Daten sprechen eindeutig dafür, dass der neue immunchemische Test eine bessere Sensitivität und bessere Spezifität als der Gujak-basierte Test hat und daher dem Gujak-Test deutlich überlegen ist.

NgD: Parallel zu der Weiterentwicklung der Stuhl- und Urintests arbeitet die Industrie an neuen Verfahren, um durch Bluttests die Früherkennung von Darmkrebs auf eine neue Stufe zu stellen, bzw. sogar zu revolutionieren. Sehen Sie eine Chance, dass der Arzt künftig bei seinen regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen mit einem ähnlich simplen Verfahren wie bei der Bestimmung des Blutzuckers spezifische Marker angezeigt bekommt, die Hinweise auf (Vorstufen) des Darmkrebs geben?

Seufferlein: Es werden intensive Anstrengungen unternommen, Marker im Blut zu finden, die eine Früherkennung von Darmkrebs erlauben. Ziel wäre es, bei einer einfachen Blutentnahme, die der Hausarzt durchführen kann, mit hoher Genauigkeit Darmkrebs in frühen Stadien erkennen zu können. Dabei kommen unterschiedliche Verfahren zum Einsatz, die z.T. schon sehr vielversprechende Ergebnisse liefern. Ich bin überzeugt, dass wir in den nächsten 5 Jahren die ersten blutbasierten Teste für eine Früherkennung von Darmkrebs im praktischen Einsatz haben werden. Bis wir sogenannte „fortgeschrittene“ Polypen, also unmittelbare Vorstufen von Darmkrebs, mit derselben Genauigkeit anhand von blutbasierten Markern erkennen können, wird es wahrscheinlich noch etwas länger dauern.

NgD: Der demographische Wandel in Verbindung mit deutlich besseren diagnostischen und therapeutischen Methoden wird dazu führen, dass die Zahl der Krebspatienten, die nach Operation und/oder Chemotherapie mehr oder weniger Beschwerdefrei leben, ansteigen wird. Gibt es Überlegungen/Konzepte dazu, wie die große Anzahl dieser Patienten auch psychoonkologisch betreut werden kann?

Seufferlein: Sie haben Recht. Dies betrifft auch Menschen mit einer fortgeschrittenen Darmkrebserkrankung Durch eine deutlich Verbesserung der therapeutischen Möglichkeiten leben heute auch Menschen mit Darmkrebs deutlich länger als früher mit ihrer Krebserkrankung. Dies stellt die Patienten vor große psychische Herausforderungen. Deshalb ist es ein Anliegen u.a. in zertifizierten Darmkrebszentren allen Patienten mit einer Darmkrebserkrankung eine psychoonkologische Betreuung anzubieten. Der Bedarf an psychoonkologischer Betreuung wird bei den Patienten heutzutage oft mittels speziellen Testinstrumenten erfasst. Patienten, bei denen diese Tests eine Belastung anzeigen, werden dann psychoonkologisch betreut.

Herr Prof. Seufferlein, herzlichen Dank für dieses Gespräch.