Aktuelles, Interview

Aktuelle DKFZ-Studie belegt einmal mehr: Der allergrößte Teil der Darmkrebserkrankungen und Sterbefälle könnte durch konsequente Vorsorge vermieden werden.

Interview mit Prof. Dr. Hermann Brenner, Leiter der Abteilung Klinische Epidemiologie & Alternsforschung
Deutsches Krebsforschungsinstitut DKFZ, Heidelberg

Netzwerk gegen Darmkrebs: Herr Prof. Brenner, Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die Deutschen nach wie vor „Präventionsmuffel“ sind? Der Termin für die TÜV-Untersuchung des Autos wird eingehalten, aber der Gang zur Vorsorgeuntersuchung scheint für viele Menschen ein hohes Hindernis zu bedeuten.

Prof. Hermann Brenner: Noch immer haben wir in Deutschland, zumindest für die Darmkrebs-Vorsorge, kein organisiertes Programm, das als Kern-Element gezielte Einladungen mit qualifizierter Information beinhaltet. Diese zentrale Forderung des Nationalen Krebsplans wartet immer noch auf Umsetzung. Unsere europäischen Nachbarländer haben gezeigt, wie mit solchen Programmen eine sehr viel höhere Teilnahme an wirksamen Vorsorge-Untersuchungen erreicht werden kann.

NgD: Unter den verschiedenen Vorsorgeuntersuchungen sticht die Koloskopie positiv heraus. Nach aktuellen Zahlen des DKFZ konnten bei insgesamt 4 Millionen Koloskopien 180.000 Fälle von Darmkrebs vermieden werden. Was unterscheidet die Darmkrebsvorsorge so signifikant von anderen Vorsorgeuntersuchungen?

Brenner: Darmkrebs entwickelt sich, im Gegensatz zu vielen anderen Krebserkrankungen, in aller Regel langsam über viele Jahre aus gutartigen Vorstufen, den sogenannten Adenomen. Bei der Koloskopie können diese Adenome entdeckt und abgetragen werden. Mit der Darmkrebs-Vorsorge kann  daher nicht nur eine Früherkennung bereits bestehender Krebserkrankungen erreicht werden, sondern die Krebserkrankungen können verhütet werden, bevor sie sich entwickelt haben. Das macht die Darmkrebs-Vorsorge so außergewöhnlich effektiv, was bei der Häufigkeit der Erkrankung dann zu den von Ihnen genannten sehr hohen Zahlen verhüteter Fälle von Darmkrebs führt.

NgD: Sie haben kürzlich im Deutschen Ärzteblatt die Ergebnisse von zwei Studien im Südwesten Deutschlands vorgestellt, bei der die Altersgrenze für die Darmkrebsvorsorge auf 50 Jahre abgesenkt war. Wer war der Initiator dieser Studien und wie viele Versicherte nahmen daran teil?

Brenner: Die erste, von unserer Arbeitsgruppe am Deutschen Krebsforschungszentrum initiierte Studie haben wir gemeinsam mit dem am Saarländischen Gesundheitsministerium angesiedelten Krebsregister Saarland durchgeführt. Hier waren zwei komplette Altersjahrgänge der saarländischen Bevölkerung, insgesamt ca. 100.000 Personen, einbezogen, die mit einem Schreiben des Saarländischen Gesundheitsministers umfassend über die Angebote der Darmkrebsvorsorge informiert und zur Teilnahme eingeladen wurden. In der zweiten Studie haben wir das Angebot der Vorsorge-Koloskopie schon ab 50 Jahren, das die AOK Baden-Württemberg die Bosch BKK ihren im Facharztprogramm Versicherten anbietet, wissenschaftlich evaluiert. Hier waren fast 85.000 Personen eingeschlossen.

NgD: Bei immerhin 8,6% der untersuchten Männer im Alter von 50-54 Jahren wurden fortgeschrittene Adenome erkannt, die als Vorstufe für Darmkrebs anzusehen sind. Ist das nicht ein wichtiges Argument die Altersgrenze für Vorsorgekoloskopie bei Männern auf 50 Jahre zu senken und gleichzeitig nach Wegen zu suchen, die Teilnahmequote deutlich zu erhöhen?

Brenner: Dem kann ich uneingeschränkt zustimmen. Bei Männern im Alter von 50-54 Jahren waren solche Krebsvorstufen damit sogar noch deutlich häufiger als bei Frauen in allen Altersstufen zwischen 55 und 75 Jahren, bei denen die Vorsorgekoloskopie seit langem angeboten wird, was ganz erheblich zu den von Ihnen Zahlen der verhüteten Darmkrebserkrankungen beigetragen hat.

NgD: Können Sie die kritischen Bemerkungen von Prof. Windeler vom IQWiG zur Veröffentlichung der Studien nachvollziehen, die in diesen Tagen von einer großen, überregionalen Zeitung aufgegriffen wurden?

Brenner: Nein, diese sind nicht nachvollziehbar. Selbstverständlich muss man, wie von Herrn Windeler angemahnt, bei jeder Vorsorgeuntersuchung Schaden und Nutzen gegeneinander abwägen. Aber gerade auf der Basis solcher Abwägungen empfehlen die von führenden Experten erstellten nationalen und internationalen Leitlinien ja schon lange die Vorsorge ab 50 (und nicht erst ab 55), bei speziellen Risikogruppen noch früher. Unsere aktuelle Studie unterstreicht einmal mehr die Sinnhaftigkeit dieser Empfehlungen. Und angesichts der Tatsache, dass der allergrößte Teil der Darmkrebserkranungen und –sterbefälle durch Vorsorge vermieden werden könnte, finde ich die von Herrn Windeler propagierte Aufgabe des Ziels, die Teilnahmeraten an der Darmkrebsvorsorge zu steigern, schon sehr zynisch. Selbstverständlich ist, dass die Bemühungen um eine Steigerung der Teilnahme mit einer bestmöglichen Information der Anspruchsberechtigten einhergehen sollte, wie wir das in unseren Studien praktiziert haben.

NgD: Von Winston Churchill ist bekannt, dass er seinen Landsleuten „no sports“ empfahl und auch deutsche Politiker haben sich in der Vergangenheit gerne mit Zigarre oder Zigarette in der Öffentlichkeit gezeigt. Kann man da nicht eine gewisse Sympathie mit dem Saarländischen Gesundheitsminister haben, wenn er den Bürgern zum 50. Geburtstages empfiehlt zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen?

Brenner: Das ist ganz sicher eine sehr viel Menschen- und Lebensfreundlichere Empfehlung als die von Ihnen genannten Beispiele!

 

Herr Professor Brenner, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dr. Georg Ralle, Generalsekretär des Netzwerk gegen Darmkrebs e.V.