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Prävention und Gesundheitsförderung in den USA: Überraschender Anstieg von Darmkrebs-Neuerkrankungen bei unter 50-jährigen Patienten

Interview mit Frau Prof. Dr. Cornelia Ulrich, Senior Director für Population Sciences, Krebsforschungszentrum Salt Lake City, USA

Netzwerk gegen Darmkrebs: Seit 2015 gibt es in Deutschland endlich ein Präventionsgesetz, in dem Maßnahmen zur Vorbeugung von Krankheiten, allgemeine Gesundheitsförderung und Früherkennung von Krankheiten benannt sind. Bis auf wenige Modellprojekte spüren die Bürger allerdings wenig von diesem neuen Gesetz, da nicht einmal notwendige Impfungen (wie z.B. gegen Masern) im Gesetz verbindlich verankert sind. Gibt es ein ähnliches Gesetz in den USA, bzw. welche staatlichen Rahmenbedingungen sind aus Ihrer Sicht für die Prävention besonders wichtig?

Prof. Ulrich: Auch in den USA sind Prävention und Strategien zur Implementierung in die Bevölkerung ein wichtiges Diskussionsthema in der Regierung. Ein Meilenstein setzte das in 2010 unterzeichnete und in Kraft gesetzte Gesetz der Patient Protection and Affordable Care Act (ACA), auch bekannt als ‚Obamacare’. Hierdurch werden $15 Milliarden über 10 Jahre in die Krankheitsprävention investiert und ein Nationales Präventionskonzil wurde eingesetzt, um den Einsatz der Regierung zur Verbesserung der Prävention1 zu beaufsichtigen. Zahlreiche präventive Strategien und Programme werden auch in den USA entwickelt, um die Vorbeugung2 von Krankheiten, allgemeine Gesundheitsförderung und Früherkennung von Krankheiten zu fördern. Der Fokus liegt hierbei auf Ernährung, körperlicher Bewegung, Raucherprävention und mentaler Gesundheit.

NgD: Die aktuellen Zahlen des Robert Koch-Instituts zeigen, dass es nach wie vor über 60.000 Neuerkrankungen von Darmkrebs und annähernd 25.000 Todesfälle pro Jahr bei dieser Krebserkrankung in Deutschland gibt. Können Sie kurz die Situation in den USA beschreiben – sehen Sie Trends, die sich bereits heute erkennen lassen?

Ulrich: In den USA lagen die Zahlen von Darmkrebs3 in 2016 bei über 135.000 Neuerkrankungen und rund 50.000 Todesfällen. Auch wenn diese Zahlen die Liste der Krebserkrankungen immer noch zu den Führenden gehören, ist in den vergangenen Jahren ein deutlicher Trend zum Rückgang der Neuerkrankungen zu sehen, sowie verbesserte Überlebensraten. Allerdings gibt es einen überraschenden Anstieg von Fällen bei unter 50-jährigen. Es ist derzeit nicht klar, warum diese jungen Menschen vermehrt erkranken, aber unter anderem stehen Fettleibigkeit im Kindes- und Jugendalter oder Ernährungsfaktoren im Verdacht.

NgD: Welche Präventionsprogramme gegen Darmkrebs gibt es in den USA, wie effizient sind diese und was können wir in Deutschland davon lernen?

Ulrich: In den USA gibt es zahlreiche Programme, um speziell die Darmkrebsprävention zu fördern. Beispielsweise gibt es von den „Centers for Disease Control and Prevention’’4 zwei Programme:

1)    CDC’s Screen for Life: National Colorectal Cancer Action Campaign, die über 50-Jährige Männer und Frauen über die Wichtigkeit von Darmkrebsvorsorgeuntersuchungen aufklärt.

2)   CDC’s Colorectal Cancer Control Program, welches zum Ziel hat, die Raten von Darmkrebsvorsorgeuntersuchungen landesweit zu steigern.

Daneben gibt es zahlreiche regionale aber auch nationale Programme, die sich für die Prävention durch eine gesunde Lebensweise einsetzen.

NgD: Ihr ehemaliger Kollege am DKFZ, Hermann Brenner5, hat soeben zwei Studien aus Süddeutschland veröffentlicht, in denen nachgewiesen wird, dass die Absenkung des Alters bei Männern von 55 auf 50 Jahren für die erste Darmkrebsvorsorge einen signifikanten Vorteil erbringt. Bei über 8 Prozent der untersuchten Männer ließen sich Adenome, d.h. Vorstufen von Darmkrebs nachweisen. Obwohl bei den Betroffenen durch rechtzeitige Detektion der Adenome eine Darmkrebserkrankung vermieden werden konnte, erntet das DKFZ deutliche Kritik von Jürgen Windeler vom IQWiG, weil „eine Abwägung von Schaden und Nutzen“ der Untersuchung fehlen würde. Wäre so etwas auch in den USA möglich?

Ulrich: Mit Sicherheit würden solche zukunftsweisenden und gründlich durchgeführten Studien in den USA rasch in den Rahmen der Evidenz aufgenommen werden. Es ist wichtig, dass man die Stärken und Schwächen aller Studien berücksichtigt und nachvollzieht, dass in vielen Fällen nur Evidenz aus beobachtenden Studien zeitnah zur Verfügung steht. Diese bevölkerungsbezogenen Studien sind enorm wichtig und informativ, auch wenn sie nicht alle Kriterien erfüllen.  Wie ich ja bereits oben angesprochen habe, wird die Evidenz für Darmkrebsscreening in den USA als ausreichend für die über 50-jährigen gesehen – und gleichzeitig haben wir steigende Neuerkrankungen bei jüngeren Menschen – von meiner Warte her spricht also damit alles auch für eine niedrigere Altersgrenze in Deutschland.

NgD: Von Deutschland aus betrachtet kann man den Eindruck gewinnen, dass es in den USA einerseits zahleiche sehr gesundheitsbewusste Bürger gibt, die bereit sind, Geld für ihre Gesundheit auszugeben, auf der anderen Seite scheinen Adipositas und andere, gravierende Erkrankungen zuzunehmen. Wie reagiert die Regierung auf diese Trends?

Ulrich: Leider sind ungesunde Lebensweisen und damit verbundene Erkrankungen, wie beispielsweise Adipositas immer noch ein gravierendes Problem in vielen Staaten der USA. Jedoch gibt es viele Organisationen und Programme, die sich für die Aufklärung der Gesellschaft, vor allem der jüngeren Generationen und der sozial Schwächeren über gesunde Lebensweisen und Prävention einsetzen. Michelle Obama hatte speziell die Bekämpfung von „childhood obesity“ auf ihre Agenda geschrieben und mit viel Elan vertreten. Man wird sehen, wie dies nun weitergeht.

NgD: Können Sie schon erkennen, wie künftig die Gesundheitsvorsorge, speziell der Bereich der Prävention in den USA geregelt sein wird – was kommt nach „Obama-Care“?

Ulrich: Viele Menschen in den USA kämpfen gerade sehr engagiert für den Erhalt von „Obama-Care“. Zum Beispiel geniesst der neue Senatsentwurf einer Gesundheitsreform laut Umfragen nur 12% Zustimmung. Es wird sich natürlich erst in den nächsten Monaten zeigen, wie die Entwicklung weitergeht. Zum Glück gibt es auch unabhängig vom Weissen Haus viele einflussreiche Menschen in den USA, ebenso wie viele Politiker in beiden Parteien, denen die Krebsprävention und Gesunderhaltung der Bevölkerung sehr am Herzen liegt. Ausserdem ist der Föderalismus sehr ausgeprägt und die einzelnen Bundesstaaten haben einen grossen Einfluss auf Programme zur Krebsprävention. Im Bundesstaat Utah, in dem ich jetzt zu Hause bin, steht ein gesunder Lebensstil besonders hoch im Kurs. Wir haben insgesamt die geringsten Raucherraten der USA (nur 9%) und stehen auch bei körperlicher Aktivität (viert höchste) mit ganz oben. 74% der über 50-jährigen hatten mindestens eine Koloskopie oder Sigmoidoskopie.
Unsere Raten6 für Krebserkrankungen, die durch Lebensstil beeinflusst werden, sind deutlich geringer. Das trifft auch auf Darmkrebs zu, mit etwa 22% weniger Neuerkrankungen als im US Durchschnitt. Das sind mit Sicherheit gute Nachrichten – wir können Darmkrebs erfolgreich bekämpfen!

Frau Professor Ulrich, vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Herr Dr. Georg Ralle, Generalsekretär des Netzwerk gegen Darmkrebs e.V.

 

 

Linkhinweise:

1)      https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21139405

2)      https://www.cdc.gov/features/preventionstrategy/

3)      https://www.cancer.org/cancer/colon-rectal-cancer/about/key-statistics.html

4)      https://www.cdc.gov/cancer/colorectal/

5)      https://www.aerzteblatt.de/archiv/186170/Sollte-die-Vorsorgekoloskopie-bereits-ab-50-Jahren-angeboten-werden; https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27213584; https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26862831

6)      https://statecancerprofiles.cancer.gov/quick-profiles/index.php?statename=utah#t=1