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Enormes Potenzial, unzureichende Nutzung

Damit deutlich weniger Menschen als bisher an Darmkrebs erkranken und sterben, muss vor allem die Prävention verbessert werden. Die Instrumente liegen bereit, doch die Politik lässt auf sich warten.

Übergewicht, Bewegungsmangel, Rauchen, Alkohol – über die Hälfte aller derzeit auftretenden Fälle von Darmkrebs wären vermeidbar, wenn sich Menschen diesen und weiteren Risikofaktoren nicht mehr aussetzen würden.[1] Lebensstilanpassungen gelten daher zu Recht als effiziente Maßnahme, um die Erkrankung zu bekämpfen. Weitere Fälle lassen sich mit der Vorsorgekoloskopie vermeiden. Im Zeitraum von 2002 bis 2012 hat sie in Deutschland Berechnungen zufolge 180.000 Darmkrebserkrankungen verhindert.[2]

Die Prävention birgt also ein gewaltiges Potenzial, um die darmkrebsbedingte Morbidität und Mortalität zu reduzieren. Professor Dr. Frank Kolligs, Vizepräsident des Netzwerk gegen Darmkrebs e. V.,  schätzt, „dass man die Zahl der Neuerkrankungen allein mit den jetzt schon verfügbaren Optionen von derzeit gut 60.000 pro Jahr auf unter 15.000 senken könnte“. Dazu sei es jedoch notwendig, die Zielgruppen konsequenter als bisher zu adressieren.

Zentrale Rolle der Hausärzte

Was die Allgemeinbevölkerung anbelangt, sollten Informationen für einen gesunden Lebensstil bereits in der Schule vermittelt werden und den Weg zu mehr gesellschaftlicher Kompetenz in Sachen Krebsprävention bahnen, so Kolligs. Daneben sieht er Interventionsmöglichkeiten bei den Hausärzten: „Sie sind am nächsten an den Menschen dran und haben die Möglichkeit,  zu informieren und aufzuklären.“

Eine weitere Zielgruppe für die Vorsorge sind Menschen mit einem familiär erhöhten Darmkrebsrisiko. „Sie erkranken oft schon deutlich jünger als jene ohne familiäre Belastung und benötigen daher zeitlich vorgezogene Vorsorgeangebote“, so Kolligs. Wie relevant das Thema ist, zeigen die Entwicklungen der vergangenen Jahre. „Sie deuten darauf hin, dass die Zahl der Krebserkrankungen bei jungen Erwachsenen im Gegensatz zum Gesamttrend zunimmt und viele der Betroffenen ein familiär erhöhtes Risiko haben“, sagt Kolligs.

Menschen mit familiär erhöhtem Darmkrebsrisiko zu identifizieren, ist Kolligs zufolge vor allen Dingen eine Aufgabe der Hausärzte, die bei Praxisbesuchern spätestens ab Mitte 30 eine familiäre Anamnese erheben sollten. Ein weiterer potenzieller Zugangsweg zu dieser Risikogruppe verläuft über die Darmkrebszentren. „Die Zertifizierungskriterien sehen verpflichtend vor, dass bei Darmkrebspatienten eine Familienanamnese erhoben wird und bei jüngeren Patienten das Tumormaterial genetisch analysiert wird“, erläutert Kolligs. „Der Patient erhält dann Informationen, die er an seine Verwandten weitergeben soll, im Falle einer auffallenden Molekularpathologie auch die Empfehlung zu einer genetischen Beratung.“

Ein Problem besteht Kolligs zufolge darin, dass die Zentren keinen direkten Zugang zu den Verwandten haben – aus Datenschutzgründen. „Inwieweit die Informationen dann tatsächlich bei ihnen ankommen, wissen wir nicht.“

Vorsorge bei familiärem Darmkrebsrisiko – Initiativen lassen auf sich warten

An dieser Stelle wären also andere Rahmenbedingungen nötig, um die Vorsorge zu optimieren. Das gleiche gilt für das Vorsorgeangebot bei positiver familiärer Anamnese. Betroffene Personen haben derzeit keinen umfassenden Anspruch auf zeitlich vorgezogene Leistungen. Hier sieht Kolligs die Politik in der Pflicht, entsprechende Initiativen – obwohl im Krebsfrüherkennungs- und Registergesetz vorgesehen – lassen bislang jedoch auf sich warten. Das Netzwerk gegen Darmkrebs will daher anhand des vom Innovationsfonds geförderten bayerischen Modellprojekts FARKOR zeigen, wie Menschen mit familiär erhöhtem Darmkrebsrisiko versorgt werden könnten. „Ärzte, die sich in der Darmkrebsprävention engagieren möchten, können sich nach wie vor in das attraktiv vergütete Projekt einschreiben“, sagt Kolligs.

<https://www.kvb.de/abrechnung/verguetungsvertraege/farkor>

Beim Innovationsfonds ist aktuell eine Verlängerung um ein weiteres Jahr beantragt.

 

Ein Beitrag von Günter Löffelmann


[1] Islami F et al. Ca Cancer J Clin 2018;68:31–54

[2] Brenner H et al. Clin Gastroenterol Hepatol 2015;13:717–23