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Krebs in Zeiten der Corona-Pandemie: „Wir müssen unter Umständen mit einer Übersterblichkeit durch verschleppte Diagnosen und Therapien rechnen!“

Wenn allerorten Kapazitäten für COVID-19-Patienten freigehalten werden, dann stellt sich fast automatisch die Frage, wie es um die Versorgung anderer Patienten bestellt ist, zum Beispiel jenen mit Krebserkrankungen. Professor Dr. Christof von Kalle, Chair für Klinisch-Translationale Wissenschaften und Direktor des Klinischen Studienzentrums am Berlin Institute of Health, sieht die Onkologie in Deutschland im Großen und Ganzen ausreichend gut gerüstet. Und so manches Versorgungsproblem lässt sich nicht auf die aktuelle Corona-Pandemie abwälzen.

Herr Professor von Kalle, wir lesen anlässlich der Corona-Krise täglich über potenzielle Engpässe bei der intensivmedizinischen Betreuung von Patienten, von einem Mangel an Schutzausrüstungen und von Nachschubproblemen bei Arzneimitteln. Was bedeutet das für Krebspatienten?

Christof von Kalle: Die Corona-Pandemie kann Krebspatienten theoretisch in zweierlei Weise tangieren: zum einen, indem sie sich selbst mit SARS-CoV-2 infizieren; zum anderen könnte es sein, dass es durch eine Welle von Corona-Patienten zu Engpässen in bestimmten Leistungsbereichen kommt, die auch für Krebspatienten relevant sind, etwa in der Intensivpflege oder der Beatmung. In deutschen Kliniken hat man Vorbereitungen getroffen, um dem vorzubeugen. Beispielsweise haben manche Häuser nicht dringliche Eingriffe wie eine Knie-oder Hüftgelenksersatzoperation verschoben. So verhindert man, dass sich Patienten während ihres Klinikaufenthalts unter Umständen mit SARS-CoV-2 infizieren, und zugleich sorgt man dafür, dass für schwer erkrankte Patienten stets ausreichend Kapazitäten zur Verfügung stehen. Die Ärzte vor Ort wägen dabei in jedem Einzelfall die Risiken gegeneinander ab und reagieren dann flexibel auf die Situation. Allerdings haben wir im Moment leider mit einem  anderen schwerwiegenden Problem zu kämpfen: Derzeit kommen viel weniger Patienten mit Symptomen einer Krebserkrankung zu uns als das aus Gründen der Statistik zu erwarten wäre.  Wir müssen also davon ausgehen, dass Patienten mit teilweise schweren Erkrankungssymptomen im Moment aus Angst vor einer COVID-Erkrankung nicht zum Arzt gehen, und wir mit negativen Spätfolgen, unter Umständen sogar einer Übersterblichkeit durch verschleppte Diagnosen und Therapien rechnen müssen.  Daher muss die Maxime bleiben, bei unklaren Symptomen rechtzeitig zum Arzt zu gehen!  Wenn es um Infektion und Fieber geht, bitte zunächst einfach anrufen oder die Internet-Angebote der Krankenhäuser in Anspruch nehmen.

Zunächst zum Infektionsrisiko: Gibt es denn Hinweise auf eine Häufung von COVID-19 bei Krebspatienten?

Nein. Die Kollegen aus den behandelnden Bereichen sehen momentan keine Häufung von SARS-CoV-2-Infektionen bei Krebspatienten. Und nach allem was wir bisher wissen, ziehen neben einem höheren Alter vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Lungenfunktionsstörungen einen schweren Verlauf der COVID-19 nach sich.

Stellen Chemotherapien ein Risiko dar?

Auch das kann man pauschal nicht so sagen, wir wissen aber noch zu wenig darüber, welche Formen einer Immunsuppression mit einem erhöhten Risiko einhergehen. Abgesehen davon sind Krebspatienten in der Regel besonders diszipliniert, was die Infektionsprophylaxe angeht. Sich zu isolieren oder einen Mundschutz zu tragen, ist vielen vertraut.

Das zweite Risiko, von dem sie im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie sprachen, ist das von Versorgungsengpässen. Müssen oder mussten Krebspatienten diesbezüglich Einschränkungen hinnehmen?

Bislang noch nicht, und ich bin guter Dinge, dass das auch so bleibt. Wir haben glücklicherweise etwas mehr Reserven als unsere europäischen Nachbarn. Dazu trägt übrigens auch die oft kritisierte Zahl von Krankenhausbetten in Deutschland bei. Trotzdem müssen wir wachsam bleiben und uns was Verhaltensmaßregeln angeht in Disziplin üben. Wir wollen nicht in Situationen geraten, in denen wir uns über eine Priorisierung von Leistungen Gedanken machen müssen.

In den vergangenen Monaten war wiederholt von Lieferengpässen bei Arzneimitteln die Rede. Inwiefern waren oder sind Krebsmedikamente davon betroffen?

Aktuell werden in einer Datenbank des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte mehr als 400 Meldungen über Lieferengpässe gelistet, darunter auch welche für Onkologika, wie Vincristin, Fludarabin, Epirubicin, Idarubicin, Doxorubicin, Etoposid, Oxaliplatin oder Docetaxel. Die Meldungen sind teilweise schon älteren Datums, teilweise fallen sie aber auch in die Zeit der Corona-Pandemie. So oder so ist zu fordern, dass wir Lieferketten wieder verkürzen und wichtige Arzneimittel wieder vermehrt in den Ländern der Europäischen Union produzieren und durch eine rotierende vernetzte Lagerhaltung in Europa intelligent bevorraten.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum, die Deutsche Krebshilfe und die Deutsche Krebsgesellschaft haben ein Frühwarnsystem für die Versorgung von Krebspatienten eingerichtet. Was steckt dahinter?

Da geht es darum, eventuell auftretende Probleme schnellstmöglich zu erfassen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Dazu ein Beispiel: Das Gesundheitssystem in Deutschland ist durch COVID-19-Patienten regional unterschiedlich belastet. Wenn nun irgendeine Region an ihre Grenzen kommt, kann es sinnvoll sein, Kapazitäten zu verlagern oder Patienten woanders hin zu verlegen, sodass sie weiterhin optimal versorgt werden können. So etwas muss aber koordiniert werden, und dafür sorgen das DKFZ, die Deutsche Krebshilfe und die Deutsche Krebsgesellschaft mit einer Taskforce.

Was ist aus Ihrer Sicht sonst noch zu tun, um die Versorgung von Krebspatienten sicherzustellen?

Ich bin sehr positiv überrascht, über die Art und Weise, wie unser Gesundheitssystem mit den aktuellen Herausforderungen fertig wird. Zwar hat es Defizite bei der Bevorratung mit bestimmten Medizinprodukten gegeben – etwa bei Gesichtsmasken und anderer Schutzausrüstung – und da werden wir uns überlegen müssen, wie wir Produktions- und Lieferketten künftig gestalten. Ich glaube aber auch, wir tun alle gut daran, nicht nur nach dem Staat zu fragen, sondern uns selbst zu überlegen, was wir in unseren Bereichen, mit unseren Mitteln und mit unserem persönlichen Engagement im Sinne unserer Patienten tun können.

Könnte es vielleicht sogar einen Innovationsschub durch die Corona-Pandemie geben?

Das hoffe ich sehr. In Deutschland haben wir eine Tendenz, Gesundheitsdaten nur dann als ausreichend geschützt anzusehen, wenn sie gar nicht erst verwendet werden. Mit dieser Haltung verpassen wir enorme Chancen, denn die intelligente Nutzung dieser Daten ist eine wichtige Maßnahme, um Krankheiten zu bekämpfen. Das sehen wir aktuell in der Corona-Pandemie, wenn etwa eine App zusammen mit der entsprechenden Sensorik für den Pulsschlag oder auch das Schlafverhalten auf eine beginnende Behandlungsbedürftigkeit hinweist, noch bevor Betroffene eine Verschlechterung bemerken. Das hilft dem Individuum, sich entsprechend zu verhalten. Und die pseudonymisierte Sammlung und Auswertung solcher Daten hilft Wissenschaftlern zu verstehen, wie sich SARS-CoV-2 ausbreitet. Weiter glaube ich, dass wir in vielen Bereichen des Gesundheitssystems administrative Hürden aufgebaut haben, die uns lähmen. Die Corona-Pandemie könnte ein Anlass sein, unser Gesundheitssystem generell zu überdenken. Wir müssen uns fragen, wie wir Prozesse einfacher und damit auch patientenfreundlicher gestalten können, wie wir Informationen strukturieren und verarbeiten wollen, aber auch, wie wir menschlicher miteinander umgehen. Die Pandemie lehrt uns ja insbesondere, dass die bisher weitgehend unfinanzierbare Prävention manchmal teuer, meistens sehr kosteneffizient und immer unbezahlbar ist. Was würden wir geben, wenn wir jetzt die SARS-1-Impfstoffe in der Schublade hätten, die zum Teil wohl auch gegen SARS 2 wirksam wären.  Vielleicht tun wir uns ja auch dann in Zukunft etwas leichter mit den Präventionsausgaben – zum Beispiel für ein vernünftiges Einladungsprogramm gegen Darmkrebs – wenn wir bedenken, dass wir in jedem Jahr allein an diese Krankheit viel mehr und auch jüngere Menschen verlieren als in der bisherigen Corona-Epidemie.

In der Onkologie gehen entsprechende Impulse von der Dekade gegen Krebs, und besonders auch von Initiativen wie dem Netzwerk gegen Darmkrebs aus. Es setzt sich insbesondere für die Prävention von Darmkrebs ein und hat wichtige Anstöße zu einer besseren Vorsorge gegeben. Es sind diese und hoffentlich viele andere Initiativen, die uns helfen können, für den Kampf gegen Krebs aus der Pandemie neue, ungeahnte Kräfte zu schöpfen. Jeder vermeidbare Krebstodesfall muss vermieden werden.

Herr Professor von Kalle, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Günter Löffelmann.