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Die Gesundheit von morgen erreichen wir nicht mit dem Denken von gestern

Die Darmkrebsprävention in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte – zumindest teilweise. Den notwendigen Reformen stehen jedoch überkommene Denkmuster und halbherziges Handeln im Weg.

Das Jahr 2002 markiert einen Meilenstein in der hiesigen Darmkrebsvorsorge, denn seither bieten die gesetzlichen Krankenkassen die Vorsorgekoloskopie als alternative Screening-Maßnahme zum Stuhltest an. Was sich bereits im ersten Jahrzehnt danach abzeichnete, wird durch eine aktuelle Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) untermauert, dass nämlich durch dieses Angebot viele Darmkrebserkrankungen und dadurch bedingte Todesfälle verhindert wurden. Zwischen 2000 und 2016 sank die Rate der Neuerkrankungen bei beiden Geschlechtern altersstandardisiert um rund 25 Prozent. Noch deutlicher sind die Effekte der Vorsorgekoloskopie auf die Sterblichkeitsrate: sie sank im Zeitraum zwischen 2000 und 2018 bei Männern um rund 36 Prozent, bei Frauen um gut 40 Prozent. Diese Bilanz ist erfreulich, und sie ist ein Beleg dafür, dass sich Darmkrebsprävention lohnt. Ein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen, ist sie nicht. Denn die Zahl der   Neuerkrankungen und der tödlichen Verläufe von Darmkrebs ist nach wie vor hoch: Jahr für Jahr erkranken etwa 61.000 unserer Mitbürger neu an Darmkrebs, und bei fast 25.000 verläuft die Erkrankung tödlich.

Das organisierte Darmkrebsscreening Made in Germany: Ausdruck eines erstarrten Gesundheitssystems

Angesichts der Tatsache, dass sich diese Krebserkrankung so gut wie kaum eine andere verhindern oder in einem Stadium erkennen lässt, in dem sie geheilt werden kann, sind solche Zahlen nicht hinnehmbar. Während andere europäische Länder wie z. B. Slowenien, das Baskenland und die Niederlande mit ihren Einladungsverfahren zum immunologischen Stuhltest Teilnahmeraten von 60-70 Prozent erreichen, dümpelt die Teilnahmerate am deutschen Programm um die 10 Prozent.

Die Gründe für die niedrige deutsche Teilnahmerate liegen auf der Hand. Nicht nur wurde die Umstellung vom opportunistischen auf ein organisiertes Screening Programm jahrelang verschleppt, das Verfahren, mit dem Versicherte zur Teilnahme am immunologischen Stuhltest oder der Vorsorgekoloskopie eingeladen werden, war dann zudem auch noch handwerklich schlecht gemacht. Das Drama beginnt bereits bei der sogenannten Entscheidungshilfe, die dem Einladungsschreiben an die anspruchsberechtigten Versicherten beiliegt. Sie ist so abstrakt und fernab von dem formuliert, was sich ohne allzu großes Nachdenken und ohne Statistikkenntnisse verstehen lässt, dass vor allem Menschen mit geringerer Bildung Schwierigkeiten haben, sich im Dickicht der Daten und Fakten zurechtzufinden, was aber die Voraussetzung wäre, um sich informiert entscheiden zu können. Wer sich dennoch zur Teilnahme entschließt, sieht sich mit einem geradezu absurd aufwändigen Procedere konfrontiert, um an den Stuhltest zu gelangen und ihn auf den Weg zur Auswertung zu bringen.

Wie konnte es so weit kommen?

Nun, wieder einmal drehte sich bei der Konzeption statt um die Formulierung einer laienverständlichen Aufklärung alles um die sogenannte informierte Entscheidung, bei der man offensichtlich davon ausgeht, dass sie nicht ohne ein tiefer gehendes Statistikverständnis getroffen werden kann.  Und wieder einmal beharrte man auf der Entwicklung einer eigenständigen Lösung für das Procedere, obwohl es bereits sehr gute und erfolgreich etablierte Vorbilder mit hohen Teilnahmezahlen gab. Und wieder einmal mussten bei dem Umsetzungskonzept alle ‚Stakeholder‘ irgendwie berücksichtigt werden, anstatt dass konsequent auf das Ziel hingearbeitet wurde, mit einem niederschwelligen Angebot möglichst viele Versicherte zur Teilnahme zu bewegen.

Es ist an der Zeit, solche alten Zöpfe endlich abzuschneiden. Denn: Von dem Einladungsverfahren in seiner derzeitigen Form ist nicht zu erwarten, dass es die Teilnahmeraten am Screening substanziell steigern und die hohen Inzidenz- und Sterblichkeitszahlen deutlich absenken wird.

Der DKFZ-Epidemiologe Hermann Brenner, der das deutsche Darmkrebs-Screenings seit vielen Jahren wissenschaftlich mit großen Studien begleitet, ist überzeugt, dass sich die aktuelle Darmkrebsinzidenz und -mortalität mit den bestehenden Vorsorgeangeboten in den nächsten zehn Jahren halbieren ließen. Voraussetzung ist allerdings, dass deutlich mehr Menschen als bisher an diesen Vorsorgeangeboten teilnehmen.

Es müsste eigentlich grundsätzlich im Interesse des G-BA sein, das Einladungsverfahren zum Erfolg zu führen. Doch Forderungen nach entsprechenden Nachbesserungen des Programms, wie sie z. B. jüngst von Seiten der zuständigen Fachgesellschaft an ihn herangetragen wurden, entzieht er sich.

Lehren aus der Corona-Pandemie?

Vielleicht können uns die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie einen Weg aus der Erstarrung des Gesundheitssystems weisen.

Das SARS-CoV-2-Infektionsgeschehen und die COVID-19-bedingte Sterblichkeit auf den Intensivstationen haben eines zumindest sehr deutlich gezeigt: großen gesundheitlichen Herausforderungen begegnet man am besten durch Prävention und nicht durch eine aufwändige, teure und leider oft auch unzureichende Therapie. Und was uns die Pandemie nachdrücklich gelehrt hat: Wir kommen nicht umhin, unsere bisherigen Gewissheiten und unser bisheriges Denken über gesundheitliche Versorgung und Vorsorge zu hinterfragen und zu verändern. In letzter Konsequenz bedeutet dies den Umbau des Gesundheitswesens – weg vom bisherigen  Reparaturbetrieb hin zu einem präventiv agierenden, lernenden System, das nicht erst dann in Funktion tritt, wenn die Menschen krank sind, sondern das sich intensiv um die Gesunderhaltung der Bevölkerung bemüht.

Das Netzwerk gegen Darmkrebs e.V. wird sich im Verein mit seiner Schwesterorganisation, der Felix Burda Stiftung, daher weiter engagiert für ein Einladungsverfahren zum Darmkrebs-Screening einsetzen, wie es sich in anderen Ländern schon länger bewährt hat: mit laienverständlicher Information und niedrigschwelligem Procedere, das präventionsbereiten Menschen die Teilnahme so einfach wie möglich macht. Darüber hinaus setzen wir uns dafür ein, dass der Bevölkerung künftig Angebote zur Darmkrebsvorsorge gemacht werden, die mehr an das individuelle Risiko angepasst sind. Viele der dazu notwendigen Mittel und Möglichkeiten gibt es bereits. In diesem Zusammenhang muss es auch darum gehen, endlich eine risikoangepasste Informations- und Screening-Strategie für Menschen mit familiärem Darmkrebs zu etablieren, die dazu beiträgt, dass Leid und Tod durch unerkannte Darmtumoren im jungen Erwachsenenalter verhindert werden.

Die Zeit ist günstig für die Veränderung unseres Gesundheitswesens hin zu einem präventionsorientierten System.

Dr. Christa Maar, Präsidentin Netzwerk gegen Darmkrebs e.V.

 

Erstveröffentlichung in der Tagungsbroschüre zum Symposium Vision Zero Innovations in oncology Juni 2021