Interview

Aktuelle DKFZ-Studie belegt einmal mehr: Der allergrößte Teil der Darmkrebserkrankungen und Sterbefälle könnte durch konsequente Vorsorge vermieden werden.

Donnerstag, 23. Februar 2017

Interview mit Prof. Dr. Hermann Brenner, Leiter der Abteilung Klinische Epidemiologie & Alternsforschung
Deutsches Krebsforschungsinstitut DKFZ, Heidelberg

Netzwerk gegen Darmkrebs: Herr Prof. Brenner, Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die Deutschen nach wie vor „Präventionsmuffel“ sind? Der Termin für die TÜV-Untersuchung des Autos wird eingehalten, aber der Gang zur Vorsorgeuntersuchung scheint für viele Menschen ein hohes Hindernis zu bedeuten.

Prof. Hermann Brenner: Noch immer haben wir in Deutschland, zumindest für die Darmkrebs-Vorsorge, kein organisiertes Programm, das als Kern-Element gezielte Einladungen mit qualifizierter Information beinhaltet. Diese zentrale Forderung des Nationalen Krebsplans wartet immer noch auf Umsetzung. Unsere europäischen Nachbarländer haben gezeigt, wie mit solchen Programmen eine sehr viel höhere Teilnahme an wirksamen Vorsorge-Untersuchungen erreicht werden kann.

NgD: Unter den verschiedenen Vorsorgeuntersuchungen sticht die Koloskopie positiv heraus. Nach aktuellen Zahlen des DKFZ konnten bei insgesamt 4 Millionen Koloskopien 180.000 Fälle von Darmkrebs vermieden werden. Was unterscheidet die Darmkrebsvorsorge so signifikant von anderen Vorsorgeuntersuchungen?

Brenner: Darmkrebs entwickelt sich, im Gegensatz zu vielen anderen Krebserkrankungen, in aller Regel langsam über viele Jahre aus gutartigen Vorstufen, den sogenannten Adenomen. Bei der Koloskopie können diese Adenome entdeckt und abgetragen werden. Mit der Darmkrebs-Vorsorge kann  daher nicht nur eine Früherkennung bereits bestehender Krebserkrankungen erreicht werden, sondern die Krebserkrankungen können verhütet werden, bevor sie sich entwickelt haben. Das macht die Darmkrebs-Vorsorge so außergewöhnlich effektiv, was bei der Häufigkeit der Erkrankung dann zu den von Ihnen genannten sehr hohen Zahlen verhüteter Fälle von Darmkrebs führt.

NgD: Sie haben kürzlich im Deutschen Ärzteblatt die Ergebnisse von zwei Studien im Südwesten Deutschlands vorgestellt, bei der die Altersgrenze für die Darmkrebsvorsorge auf 50 Jahre abgesenkt war. Wer war der Initiator dieser Studien und wie viele Versicherte nahmen daran teil?

Brenner: Die erste, von unserer Arbeitsgruppe am Deutschen Krebsforschungszentrum initiierte Studie haben wir gemeinsam mit dem am Saarländischen Gesundheitsministerium angesiedelten Krebsregister Saarland durchgeführt. Hier waren zwei komplette Altersjahrgänge der saarländischen Bevölkerung, insgesamt ca. 100.000 Personen, einbezogen, die mit einem Schreiben des Saarländischen Gesundheitsministers umfassend über die Angebote der Darmkrebsvorsorge informiert und zur Teilnahme eingeladen wurden. In der zweiten Studie haben wir das Angebot der Vorsorge-Koloskopie schon ab 50 Jahren, das die AOK Baden-Württemberg die Bosch BKK ihren im Facharztprogramm Versicherten anbietet, wissenschaftlich evaluiert. Hier waren fast 85.000 Personen eingeschlossen.

NgD: Bei immerhin 8,6% der untersuchten Männer im Alter von 50-54 Jahren wurden fortgeschrittene Adenome erkannt, die als Vorstufe für Darmkrebs anzusehen sind. Ist das nicht ein wichtiges Argument die Altersgrenze für Vorsorgekoloskopie bei Männern auf 50 Jahre zu senken und gleichzeitig nach Wegen zu suchen, die Teilnahmequote deutlich zu erhöhen?

Brenner: Dem kann ich uneingeschränkt zustimmen. Bei Männern im Alter von 50-54 Jahren waren solche Krebsvorstufen damit sogar noch deutlich häufiger als bei Frauen in allen Altersstufen zwischen 55 und 75 Jahren, bei denen die Vorsorgekoloskopie seit langem angeboten wird, was ganz erheblich zu den von Ihnen Zahlen der verhüteten Darmkrebserkrankungen beigetragen hat.

NgD: Können Sie die kritischen Bemerkungen von Prof. Windeler vom IQWiG zur Veröffentlichung der Studien nachvollziehen, die in diesen Tagen von einer großen, überregionalen Zeitung aufgegriffen wurden?

Brenner: Nein, diese sind nicht nachvollziehbar. Selbstverständlich muss man, wie von Herrn Windeler angemahnt, bei jeder Vorsorgeuntersuchung Schaden und Nutzen gegeneinander abwägen. Aber gerade auf der Basis solcher Abwägungen empfehlen die von führenden Experten erstellten nationalen und internationalen Leitlinien ja schon lange die Vorsorge ab 50 (und nicht erst ab 55), bei speziellen Risikogruppen noch früher. Unsere aktuelle Studie unterstreicht einmal mehr die Sinnhaftigkeit dieser Empfehlungen. Und angesichts der Tatsache, dass der allergrößte Teil der Darmkrebserkranungen und –sterbefälle durch Vorsorge vermieden werden könnte, finde ich die von Herrn Windeler propagierte Aufgabe des Ziels, die Teilnahmeraten an der Darmkrebsvorsorge zu steigern, schon sehr zynisch. Selbstverständlich ist, dass die Bemühungen um eine Steigerung der Teilnahme mit einer bestmöglichen Information der Anspruchsberechtigten einhergehen sollte, wie wir das in unseren Studien praktiziert haben.

NgD: Von Winston Churchill ist bekannt, dass er seinen Landsleuten „no sports“ empfahl und auch deutsche Politiker haben sich in der Vergangenheit gerne mit Zigarre oder Zigarette in der Öffentlichkeit gezeigt. Kann man da nicht eine gewisse Sympathie mit dem Saarländischen Gesundheitsminister haben, wenn er den Bürgern zum 50. Geburtstages empfiehlt zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen?

Brenner: Das ist ganz sicher eine sehr viel Menschen- und Lebensfreundlichere Empfehlung als die von Ihnen genannten Beispiele!

 

Herr Professor Brenner, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dr. Georg Ralle, Generalsekretär des Netzwerk gegen Darmkrebs e.V.

Niedergelassene Onkologen nehmen ihren Versorgungsauftrag ernst und sichern die Qualität

Montag, 13. Juni 2016

Interview mit Professor Dr. Stephan Schmitz, Vorsitzender des Berufsverbandes der niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland e.V.

Netzwerk gegen Darmkrebs: Im zurückliegenden Jahr feierte der BNHO sein 15-jähriges Bestehen und ist damit im Verhältnis zu anderen, medizinischen Berufsverbänden ein noch recht junger Verband. Was waren seinerzeit die Gründe einen eigenständigen Verband für die niedergelassenen Onkologen ins Leben zu rufen?

Professor Schmitz: Die ambulante Onkologie hat sich in den letzten 15 Jahren rasant entwickelt. Als der  BNHO gegründet wurde, gab es ca. 150 niedergelassene Onkologinnen und Onkologen. Die Gruppe wurde immer größer, war aber als Berufsverband nicht organisiert.  Wir brauchten eine sprachfähige Organisation für die niedergelassenen Onkologen, um deren Interessen gegenüber  den wissenschaftlichen Fachgesellschaften, der gesundheitspolitischen Öffentlichkeit und der Politik zu vertreten. Seither fungiert der BNHO als Sprachrohr für die niedergelassenen und zugleich  als Anwalt für die Patienten.  Dabei finanziert sich der BNHO  seit seiner Gründung ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge. Jede  Zusatzfinanzierung würde die Unabhängigkeit des Berufsverbandes beeinträchtigen.

NgD: Wenn Sie heute auf den BNHO schauen, welche der ursprünglichen Ziele haben Sie erreicht und wo sind noch große „Baustellen“?

Prof. Schmitz: Zuallererst  haben wir erreicht, dass wir als “niedergelassene“ Onkologen als Gruppe sichtbar sind und der BNHO  als anerkannter und seriöser Gesprächspartner der Fachgesellschaften, der Patientenorganisationen, der Selbstverwaltung, der Politik, anderer Berufsverbände und  der kassenärztliche Vereinigungen geschätzt wird. Grundsätzlich ist  Berufs- und Gesundheitspolitik ein kontinuierlicher dynamischer  Prozess und insofern eine fortwährende „Baustelle“. Es gibt natürlich nichts, was man noch verbessern könnte. Wir  würden uns freuen, wenn die Politik und auch die Krankenkassen, die engagierte Leistung, die die niedergelassenen Onkologen jeden Tag für die Versorgung der Krebskranken in Deutschland leisten, noch mehr anerkennen würden.

NgD: Wenn man die Prognosen des Deutschen Krebsforschungszentrum DKFZ in Heidelberg liest, dann erwarten wir auf Grund der deutlich gestiegenen Lebenserwartung der Bevölkerung eine signifikante Steigerung von Krebserkrankungen. Sind wir den damit verbundenen Herausforderungen im Sinne einer hochqualifizierten und flächendeckenden Versorgung gewachsen, oder was müsste aus Ihrer Sicht noch unbedingt getan werden?

Prof. Schmitz: Die hochqualifizierte und flächendeckende Versorgung ist eine Herausforderung. Seit vielen Jahren wird in diesem Rahmen diskutiert, ob man die Versorgung eher zentral oder dezentral organisieren sollte.  Unser Petitum ist ganz klar die dezentrale Versorgung.  Dabei bilden wir niedergelassenen Hämatologen und Onkologen einen sehr wichtigen Bestandteil dieses Versorgungskonzeptes. Doch letztlich ist es natürlich der Dreiklang  aus niedergelassenen Onkologen, Krankenhäusern der Regelversorgung und Comprehensive  Cancer Center, der die flächendeckende und hochqualifizierte Versorgung für jeden Krebserkrankten in Deutschland garantiert.

NgD: Ein damit eng verbundenes Thema ist die Frage der Weiterbildung für die Onkologen, spez. auch der in Ihrem Verband niedergelassenen Kollegen. Welche Initiativen haben Sie gestartet, damit die neuen diagnostischen und therapeutischen Methoden und Verfahren so rasch wie möglich im ärztlichen Alltag ankommen?

Prof. Schmitz: Wir setzen uns für die weitere Entwicklung von Innovationsnetzwerken ein. Klinisch relevante Forschungsergebnisse müssen für die Patienten zentrifugal in die onkologische Versorgungstruktur verbreitet werden. Das ist ohne eine gute Kooperation zwischen den niedergelassenen Onkologen und  CCC nicht zu leisten.  Die Beteiligung an klinischen Studien ist ein hochwirksames Werkzeug, den Innovationstransfer zu organisieren und sicher zu stellen. Die klassische Weiterbildung  ist weiter die Domäne der DGHO und der Deutschen Krebsgesellschaft sowie der internationalen Fachgesellschaften. In all diesen Gesellschaften sind die niedergelassenen Onkologen Mitglied. Wie wir aus den Erhebungen unseres  Wissenschaftlichen Instituts der Niedergelassenen Onkologen und Hämatologen (WINHO GmbH) wissen, sind die Weiterbildungsaktivitäten der BNHO-Mitglieder außerordentlich groß. Darüber hinaus hat der BNHO  gemeinsam mit einer Landesärztekammer und einer KV unter Federführung des WINHO ein neues Fortbildungskonzept für Medizinische Fachangestellte entwickelt.

NgD: Der zurückliegende Krebskongress in Berlin stand im Zeichen der „4P“: Präventiv, Personalisiert, Partizipativ und Präzise soll die Krebsmedizin in der Zukunft sein. Bei welchem „P“ sehen Sie in Deutschland den größten Handlungsbedarf?

Prof. Schmitz: Es gibt unter diesem Aspekt Herausforderungen: Prävention und die zukünftige zunehmende  Zahl an Krebserkrankten. Prävention ist eine medizinische aber auch eine gesellschafts- und sozialpolitische Herausforderung. Die größte Herausforderung in der Onkologie ist der durch den demografischen Effekt bedingte Anstieg Krebserkrankter. Wenn wir die Versorgung dieser Patienten auf dem gleich hohen Qualitätsniveau halten wollen, wie das derzeit noch in Deutschland gegeben ist, dann  sollten wir die dezentrale Versorgung forcieren.  Noch mal: Wir werden die Herausforderungen nur gemeinsam meistern, wenn wir alle Kräfte in der onkologischen Versorgung nach ihren Stärken optimal einsetzen. Eine Gruppe aus dem Dreiklang zu schwächen, wäre wirklich fahrlässig.

NgD: In letzter Zeit wurde unter dem Stichwort „Sektorenübergreifende Versorgung“ viel über die dringend notwendige Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Fachärzten und Kliniken diskutiert. Wie sind die Überlegungen des BNHO zu diesem Thema?

Prof. Schmitz: Onkologie ist für die Patienten seit vielen Jahren eine interdisziplinäre und sektorübergreifende Veranstaltung. Die knapp 600 im BNHO organisierten Onkologen/innen arbeiten sehr eng und vertrauensvoll  mit den Krankenhauskollegen zusammen.  Es gibt über 700 schriftliche  Kooperationsverträge zwischen niedergelassenen  Onkologen und Krankenhäusern.  Wir leben schon seit vielen Jahren den nationalen Krebsplan, der für die Versorgung Krebskranker ein Netz von qualifizierten und gemeinsam zertifizierten, interdisziplinären und transsektoralen Einrichtungen vorsieht.  Das passt hundertprozentig zu unserem dezentralen  Konzept. In dieses Konzept reiht sich natürlich auch die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) ein. Sie ist zwar ein neuer Sektor, trifft aber auf bereits etablierte Strukturen von Kooperationen und Netzwerken. Sie bietet die Möglichkeit, diese bestehenden Kooperationen weiter zu verbessern und verpflichtet zu noch mehr vernetzter interdisziplinärer Zusammenarbeit.

NgD: Jedes Jahr im Frühsommer blickt die onkologische Fachwelt mit Interesse nach USA zum ASCO, dem weltgrößten Krebskongress. Gibt es aus Ihrer Sicht diesmal einen wirklichen Durchbruch in Diagnostik und/oder Therapie beim Kampf gegen den Krebs?

Prof. Schmitz: Ich gehe davon aus, dass auch beim diesjährigen ASCO Kongress die Immuntherapie weiter einen  großen Stellenwert haben wird. Insofern war der „Durchbruch“  – wenn überhaupt – letztes Jahr. Krebs ist ein so heterogenes Krankheitsbild, dass man eigentlich nie einen Durchbruch beim Kampf gegen alle Krebserkrankungen erwarten kann. Wenn sie jeden Tag Krebspatienten in der Sprechstunde sehen, dann werden sie mit Heilsversprechungen etwas zurückhaltend.

NgD: Da wir gerade bei den USA sind: was können wir in Deutschland von den Kollegen in den USA lernen, wo ist die Krebsmedizin weiter und erfolgreicher?

Prof. Schmitz: Die Spitzenforschung mag in den USA besser sein als in Deutschland. Die medizinische Versorgung der breiten Bevölkerung ist in Deutschland – insbesondere in der Onkologie – deutlich besser als in den USA. In Deutschland ist der Zugang zur onkologischen medizinischen Versorgung für jedermann – unabhängig von seinem sozialen Status oder finanziellen Möglichkeiten – nicht nur theoretisch sondern auch faktisch garantiert. Ich halte  das für eine der größten Errungenschaften unseres Gemeinwesens. Dafür stehen die niedergelassenen Onkologen und Hämatologen in Deutschland ein. Wir sind häufig die ersten, die für die Patienten gegen jede Rationierung in der Onkologie aufstehen. Und wir wollen auch in Zukunft für jeden Patienten einen niederschwelligen, auch sozial barrierefreien Zugang zum qualifizierten Facharzt, keine Wartezeiten, keine  Zweiklassenmedizin und Zugang zu Innovationen.

NgD Last but not least ist der „beste“ Krebs der, den man erst gar nicht bekommt. Obwohl es inzwischen wissenschaftlich belegt ist, dass bei bestimmten Krebserkrankungen, wie z.B. Darmkrebs, ein signifikantes, familiäres Risiko besteht, gibt es immer noch keine wirklich ausreichenden Präventionsmaßnahmen. Welche Initiativen könnten aus Ihrer Sicht hilfreich sein, dieses Problem in den Griff zu bekommen?

Prof. Schmitz: Dort, wo das Risiko an Krebs zu erkranken  durch Präventivmaßnahmen vermeidbar ist, sollten wir noch mehr machen. Es sollte mehr Aufklärung, es sollten mehr Anreize für Präventionsmaßnahmen geben, aber keinen Zwang. Zur Zeit wird eine Initiative unter anderem unter Beteiligung unseres Berufsverbandes auf den Weg gebracht, die für Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen sowie für Patienten mit einem familiären Risiko für Darmkrebs ein völlig neues Versorgungsangebot bietet. Durch die Integration aller notwendigen ärztlichen Fachgruppen kann die frühzeitige Erkennung des familiären Risikos sichergestellt werden.

 

Herr Professor Schmitz, vielen Dank für das Gespräch.

Plädoyer zur Stärkung und zum weiteren Ausbau der psychoonkologischen Versorgung in Deutschland

Montag, 02. Mai 2016

Interview mit Frau Prof. Dr. Anja Mehnert, Leiterin Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie und Sektion Psychosoziale Onkologie,  Universitätsklinikum Leipzig

Netzwerk gegen Darmkrebs: Im Gegensatz zu etablierten medizinischen Fachdisziplinen, wie beispielsweise Chirurgie oder Innere Medizin, ist die Psychoonkologie eine relative „junge“ Disziplin, die sich in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts intensiv mit der Frage beschäftigte, in wie weit psychosoziologische Faktoren bei der Krebsentstehung eine Rolle spielen könnten. Wie beurteilen Sie aus heutiger Sicht die Relevanz dieser Fragestellung?

Anja Mehnert: Die Frage, inwieweit psychosoziale Faktoren bei der Krebsentstehung eine Rolle spielen, ist sicher relevant. Auch wird in der psychoonkologischen Forschung seit vielen Jahren diskutiert, ob Psychotherapie die Überlebensrate bei Krebspatienten erhöhen kann und welche psychoneuroimmunologischen Mechanismen und verhaltensbezogenen Faktoren daran beteiligt sind. Wichtig ist genau zu unterscheiden, was mit psychosozialen Faktoren gemeint ist. Soziale Faktoren wie z. B. ein niedriger Bildungsstand oder psychische Faktoren wie eine unbehandelte Depression scheinen – sowohl was die Krebsentstehung als auch was das Überleben –  betrifft eine Rolle zu spielen, wahrscheinlich aber erklärt durch Verhaltensfaktoren. Dies bedeutet, dass nicht die Depression, d.h. Gefühle der inneren Leere oder Niedergeschlagenheit das Risiko für eine Krebserkrankung erhöhen, sondern das Verhalten einer Person, die an einer Depression leidet. Zu solchen Verhaltensweisen zählt beispielsweise ein erhöhter Alkohol- oder Zigarettenkonsum, Bewegungsmangel oder eine schlechtere Therapieadherenz, d.h. Mitarbeit an der Behandlung. Auch was die Psychotherapie betrifft ist die empirische Datenlage uneinheitlich und weist eher – legt man methodisch exzellente Studien zugrunde – darauf hin, dass Psychotherapie keinen Überlebensvorteil für die Krebspatienten bringt. Aber: Psychotherapie – und dies ist vielfach nachgewiesen – reduziert psychische Belastungen und steigert die Lebensqualität signifikant.

NgD: Die Diagnose „Krebs“ stellt für viele Patienten einen dramatischen Einschnitt in ihrer Lebensqualität, bzw. ihr psychisches Gleichgewicht dar. Wenn diese krankheitsbedingten Belastungen im Sinne von manifesten Störungen so groß werden, dass sie medizinisch-klinische Auswirkungen haben, muss man dann von einer relevanten Komorbidität sprechen?

Mehnert: Das Spektrum der Belastungen, unter denen Patienten und auch Angehörige leiden, ist sehr breit, sowohl was die Art der Belastung als auch die Intensität der Belastung betrifft. Nahezu alle Patienten und Angehörige leiden nach der Diagnose und im Verlauf der Erkrankung unter Belastungsreaktionen wie Ängsten, Sorgen oder Phasen von Niedergeschlagenheit. Bei einer mittleren psychischen Belastung spricht man auch von subsyndromalen psychischen Beschwerden. Von Komorbidität spricht man immer dann, wenn eine zweite Erkrankung – in diesem Fall neben der Krebserkrankung eine psychische Erkrankung – vorliegt. Wir wissen heute sehr gut, dass ein Drittel aller Patienten unter einer psychischen Störung leidet; am häufigsten an einer Anpassungsstörung, einer Angststörung oder einer Depression. Allerdings sind auch niedrigere und subsyndromale Belastungen bei einem Teil der Patienten mit dem Wunsch nach professioneller Beratung und Unterstützung verbunden. Deshalb empfehlen wir in der S3-Leitlinien Psychoonkologie auch ein gestuftes Versorgungsmodell: Alle Patienten sollten Informationen über psychoonkologische Unterstützungsangebote erhalten und je nach individuellem Belastungsspektrum und Bedürfnis psychosoziale Beratung oder Psychotherapie.

NgD: Wie relevant ist denn das Thema „Komorbidität“ in Bezug auf die Gesamtheit der Krebserkrankungen und gibt es hier signifikante Unterschiede bei den einzelnen Krebsentitäten, z. B. beim Brustkrebs versus Darmkrebs?

Mehnert: Jede dritte Patientin bzw. jeder dritte Patient leidet im Verlauf der Erkrankung zu irgendeinem Zeitpunkt unter einer psychischen Störung. Diese Zahlen sind durch epidemiologische Studien heute sehr gut gesichert. Am stärksten belastet sind Brustkrebspatientinnen, Patienten mit Kopf- und Halstumoren sowie mit schwarzem Hautkrebs. Bei Patienten mit Darmkrebs liegt die Auftretenshäufigkeit im Durchschnitt bei 28%. Man muss allerdings hinzufügen, dass wenn man nach den selbst berichteten Belastungen der Patienten geht, 52 % – also jeder zweite Patient – sich im Durchschnitt als hoch belastet einschätzt. Bei Patienten mit Darmkrebs sind es 54 %, die sich als hoch belastet beschreiben. Warum teilweise so große Unterschiede zwischen den Tumorentitäten bestehen, hat vielfältige Gründe: Soziodemografische Faktoren spielen neben krankheits- und behandlungsbedingten Faktoren eine Rolle, sind allerdings noch nicht ausreichend erforscht.

NgD: Sollte eine psychoonkologische Beratung oder Betreuung nicht schon bei der Übermittlung der Diagnose „Krebs“ erfolgen, insbesondere wenn es sich um Patienten handelt, die nicht über ein besonders stabiles, familiäres Umfeld verfügen und wie sind Ihre Erfahrungen in Bezug auf das entsprechende Arzt-Patienten Gespräch?

Mehnert: Bei der psychoonkologischen Versorgung ist es wichtig, dass diese selbstverständlich als Teil des Gesamtbehandlungsangebotes vorgehalten wird und bereits frühzeitig im Behandlungsverlauf, d. h. im Kontext der Diagnostik und der Diagnosestellung bzw. Diagnosemitteilung. Die Erfahrungen zeigen aber auch, dass dies eine sehr belastende Phase ist, in der sehr viel auf die Patienten und ihre Angehörigen einströmt – diagnostische Abklärungen, Warten auf Ergebnisse, Termine, unterschiedliche Ansprechpartner. Manchen Patienten genügt zunächst die Information über psychoonkologische Angebote, die sie bei Bedarf dann später im Behandlungsverlauf in Anspruch nehmen. Wichtig ist, eine Flexibilität der psychoonkologischen Angebote vorhalten zu können, die sich nach den psychosozialen Belastungen und den Bedürfnissen der Patienten richtet.

NgD: Durch die enormen Fortschritte in der Behandlung von Krebserkrankungen durch innovative Therapiekonzepte leben Patienten heute deutlich länger, teilweise mit gravierenden mentalen und körperlichen Einschränkungen. Wie können Sie den Patienten hier über längere Zeit konkrete Unterstützung geben?

Mehnert: Das Spektrum psychoonkologischer Unterstützungsangebote ist breit gefächert. Je nach den Belastungen, die im Krankheitsverlauf auftreten, reichen die Angebote von Information und psychosozialer Beratung bis hin zu Psychotherapie. Die Angebote zielen auf der einen Seite darauf, die vielfältigen Belastungen von Patienten und Angehörigen zu reduzieren, d. h. Menschen zu helfen, mit den durch die Erkrankung hervorgerufenen Belastungen besser umgehen zu können (z. B. mit Ängsten, depressiven Verstimmungen, im Umgang mit der Erkrankung in der Familie oder am Arbeitsplatz). Auf der anderen Seite geht es aber konkret auch darum, Menschen zu helfen, die Erkrankung in ihr Leben zu integrieren, d. h. die Lebensqualität zu verbessern und individuelle, familiäre wie soziale Ressourcen zu finden, die helfen, trotz der krankheitsbedingten körperlichen und psychosozialen Einschränkungen ein weitgehend unabhängiges und erfülltes Leben führen zu können. Manche Patienten benötigen Informationen, Beratung oder Kurzzeitpsychotherapie, ein kleinerer Teil aber auch längerfristige psychoonkologische Unterstützung. Eine solche kontinuierliche Versorgung kann im Moment allerdings nur bedingt sichergestellt werden. Eine wichtige Ursache dafür ist die Fragmentierung des Gesundheitssystems in stationäre, ambulante und rehabilitative Versorgungsbereiche. Gerade im ambulanten Bereich z.B. bei den Krebsberatungsstellen, die eine wichtige und niedrigschwellige Funktion innerhalb der Versorgung einnehmen, ist keine Regelfinanzierung vorhanden.

NgD: In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wie es gelingen kann, die Kompetenz der Patienten erhöhen kann, mit seiner Krebserkrankung besser umzugehen, sich neue Ziele zu setzen und sich sowohl mit seinem familiären, wie auch beruflichen Umfeld neu zu „arrangieren“?

Mehnert: Patienten benötigen Informationen und kompetente Ansprechpartner sowie etwas Zeit, gerade im Rahmen der Diagnostik und Therapieplanung. Mittel- wie längerfristig ist dies sicher ein Prozess zu lernen, kompetent mit der eigenen Erkrankung und den Erkrankungsfolgen umzugehen und sich gezielt auch Unterstützung zu suchen. Im Rahmen der Psychoonkologie nimmt Psychoedukation, d.h. die Aufklärung über typische psychische Reaktionen auf die Erkrankung und günstige Krankheitsbewältigungsstrategien einen wichtigen Stellenwert ein. Dazu gehört z.B. die Aufklärung über Progredienzangst und zu lernen, mit diesen Ängsten umzugehen, den Alltag neu zu gestalten oder neue, gesundheitsfördernde Aktivitäten in den Alltag zu integrieren. Ein weiterer Punkt ist die Unterstützung der Patienten und Angehörigen bei der Kommunikation innerhalb der Familie und im sozialen Umfeld wie auch mit dem Behandlungsteam.

NgD: Welche Herausforderungen sehen Sie in der psychoonkologischen Betreuung von Kindern und jugendlichen Patienten, bzw. ihren Eltern. Reicht das vorhandene Angebot aus, um eine Versorgung, auch im Sinne der Leitlinien, sicher zu stellen?

Mehnert: Die psychoonkologische Betreuung von Kindern und Jugendlichen bzw. auch der Eltern ist ein wichtiges Gebiet. International wie in Deutschland steht die Forschung hier allerdings erst in den Anfängen. Die Versorgungsangebote reichen im Moment nicht aus. Hier liegt sicher noch viel Arbeit vor uns.

NgD: Auf der Internetplattform www.krankheitserfahrungen.de der Universität Freiburg haben Darmkrebspatienten die Möglichkeit sich untereinander auszutauschen und zusätzliche Informationen zu ihrer Krankheit zu erhalten. Können diese neuen Angebote Ihre Arbeit unterstützen, bzw. haben Sie Erfahrungen, wie derartige Foren genutzt werden?

Mehnert: Es gibt eine Reihe von Foren, in denen Patienten sich austauschen. Die Nutzung dieser Foren ist sehr unterschiedlich, je nachdem wie der Zugang gestaltet ist, wie einfach diese zu handhaben sind, ob diese moderiert sind oder nicht und natürlich ob Patienten sich angesprochen fühlen. Wir wissen, dass Patienten sehr viel im Internet „unterwegs“ sind, Informationen und Austausch mit betroffenen suchen. Inwieweit diese neuen Angebote unserer Arbeit unterstützen hängt davon ab, wie gut diese moderiert und mit Inhalten gefüllt sind. Das Internet bietet heute eine Fülle an Informationen und für Patienten ist es eher schwer, nützliche und evidenzbasierte Informationen zu finden.

NgD: Welche psychoonkologischen Angebote können in der Palliativversorgung von schwerkranken Patienten gemacht werden, bzw. gibt es eine flächendeckende, hochwertige Versorgung in Deutschland für diese Patienten?

Mehnert: Ähnlich wie bei der Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben wir auch in der Palliativmedizin einen hohen Bedarf an psychoonkologischer Versorgung, zumal immer mehr Menschen mit einer unheilbaren Erkrankung länger leben. Es gibt hier sehr gute psychoonkologische Ansätze, die Patienten und Angehörigen helfen, trotz einer schweren Erkrankung eine gute Lebensqualität für sich zu bewahren und Lebenssinn zu finden. Von einer flächendeckenden Versorgung sind wir aber in Deutschland wie auch weltweit noch weit entfernt.

NgD: Zum Schluss noch eine Frage zum Status quo der psychoonkologischen Versorgung in Deutschland: Was können wir von unseren (europäischen) Nachbarn lernen, um unsere Patientenversorgung weiter zu optimieren?

Mehnert: Ich glaube, dass wir in Deutschland im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern eine sehr gut ausgebaute Struktur der psychoonkologischen Versorgung haben. Was wir brauchen, ist allerdings eine Regelfinanzierung für niedrigschwellige ambulante Angebote, d. h. die Stärkung der Rolle von Krebsberatungsstellen oder psychoonkologische Ambulanzen. Was wir lernen können ist z.B. eine bessere und patientenfreundlichere Informations- und Öffentlichkeitsarbeit unter Einbezug der Selbsthilfe, z. B. Macmillian Cancer Support (UK) oder Maggie Centers (UK).

Frau Professor Mehnert, vielen Dank für das Gespräch.

„Prävention und Gesundheitsförderung in den Betrieben sind ein Markenkern unserer Kassenart!”

Dienstag, 01. März 2016

Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbandes, sieht beim neuen Präventionsgesetz sowohl Licht als Schatten. Angesichts der demografischen Veränderungen in unserer Gesellschaft begrüßt er im Interview mit Dr. Georg Ralle, Generalsekretär des Netzwerk gegen Darmkrebs e.V., vor allem den gestiegenen Stellenwert der betrieblichen Gesundheitsförderung.

Netzwerk gegen Darmkrebs: Nachdem die Große Koalition einen langen Anlauf genommen hat, liegt nun seit einigen Monaten das Präventionsgesetz vor. Ist das jetzt der erwartete „große Wurf“, bzw. wo sehen Sie Stärken und Schwächen des Präventionsgesetztes?

Franz Knieps: Nach mehreren gescheiterten Anläufen ist es grundsätzlich erfreulich, dass nun endlich ein Präventionsgesetz verabschiedet werden konnte. Angesichts des demographischen Wandels und dem damit verbundenen Anstieg chronischer Erkrankungen, dem nicht allein durch medizinisch kurative Maßnahmen begegnet werden kann sowie den veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen, ist es richtig, der Gesundheitsförderung und der Prävention einen größeren Stellenwert einzuräumen.

Der „große Wurf“ ist es leider nicht geworden, aber es finden sich viele positive Ansätze. Dass künftig mehr Geld in den Bereich der Lebenswelten, wie Kita, Schule oder Kommune fließen soll ist wichtig, da dies dazu beiträgt, sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen zu verringern. Als Betriebskrankenkassen begrüßen wir es zudem, dass der Zugang von allen Betrieben zur Betrieblichen Gesundheitsförderung und Vorsorge verbessert werden soll. Ebenso eröffnet die Stärkung der Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit, dass die Früherkennung von Erkrankungen optimiert und durch eine sinnvolle Verzahnung die Versorgung der Versicherten verbessert wird.

Eine große Schwäche ist darin zu sehen, dass das Gesetz bei der Finanzierung allein die gesetzliche Krankenversicherung in die Pflicht nimmt. Zwar wird im Präventionsgesetz die Prävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden, das schlägt sich jedoch nicht in der finanziellen Beteiligung aller wichtigen Akteure nieder, da die Mehrausgaben lediglich von der GKV und der Sozialen Pflegeversicherung getragen werden.

Auch die Einbindung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist aus ordnungspolitischen Gründen kritisch zu sehen, da sich nun der Haushalt der BZgA zu einem erheblichen Teil aus Sozialversicherungsbeiträgen speisen soll. Eine solche Quersubventionierung einer dem Bundesministerium für Gesundheit nachgeordneten obersten Bundesbehörde entlässt damit den Bund aus der Verantwortung, seine Behörden entsprechend selbst zu finanzieren.

NgD: Die in Ihrem Dachverband zusammengeschlossenen Betriebskrankenkassen sind traditionell einer der wichtigsten Partner für betriebliche Gesundheitsvorsorge, ein Bereich, der vor dem Hintergrund des demographischen Wandel und vieler weiterer Faktoren immer wichtiger wird. Sehen Sie diese Thematik ausreichend berücksichtigt?

Knieps: Durchaus. Die Arbeitswelt ist für die Betriebliche Gesundheitsförderung ein ganz zentrales Setting. Nicht nur, dass wir einen großen Teil unseres erwerbstätigen Leben am Arbeitsplatz verbringen und den positiven wie auch negativen Einflüssen dort ausgesetzt sind. Die Menschen sollen insgesamt länger arbeiten und zugleich wird der Anteil an älteren Arbeitnehmern steigen. Hier bedarf es vielfältiger abgestimmter Maßnahmen, um dies zu ermöglichen. Im Präventionsgesetz wird die Betriebliche Gesundheitsförderung explizit benannt und der Betrag, der für die Betriebliche Gesundheitsförderung ausgegeben werden soll, wird auf 2€ angehoben, was diese Anliegen befördert. Die Betriebskrankenkassen haben schon in der Vergangenheit über 1,10 Euro pro Versichertem in die betriebliche Gesundheitsförderung in Unternehmen investiert und damit den Richtwert der vergangenen Jahre überschritten.

Zudem ist es ausgesprochen positiv, dass künftig mehr dafür getan werden soll, den Zugang speziell von kleinen und mittelständischen Betrieben (KMU)zu Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung auszubauen, die den Hauptanteil an Betrieben in Deutschland ausmachen. Auch in diesem Bereich haben sich die Betriebskrankenkassen einen Namen gemacht, z.B. mit dem von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geförderten Projekt „Gesund.Stark.Erfolgreich. Der Gesundheitsplan für Ihren Betrieb“.

NgD: In der Vergangenheit konnte man sich oft nicht des Eindrucks erwehren, betriebliches Gesundheitsmanagement sei primär ein Aktionsfeld für die großen Unternehmen wie BASF et al, die mit hervorragenden Programmen, beispielhaftes für ihre Belegschaft leisten. Andererseits beschäftigen die KMUs in Deutschland fast 70% der Arbeitnehmer, ohne oftmals eine eigene betriebsärztliche Abteilung oder ähnliches zu haben. Wie kann man es schaffen, das betriebliche Gesundheitsvorsorge und Prävention auch bei den KMUs und am Arbeitsplatz des Einzelnen ankommt?

Knieps: Wichtig ist, KMU davon zu überzeugen, dass betriebliche Gesundheitsförderung kein „Luxusthema“ ist und zwangsläufig viele Ressourcen bindet. KMU müssen erkennen können, dass Betriebliche Gesundheitsförderung sehr eng mit Themen verknüpft sind, die einen großen Teil ihrer Alltagsprobleme ausmachen, wie Wettbewerbsfähigkeit, Fachkräftemangel oder alternde Belegschaften. Hier gilt es geeignete Konzepte zu entwickeln, um speziell diese Betriebe zu erreichen, wie es z.B. das bereits erwähnte Projekt „Gesund.Stark.Erfolgreich.“ vorgenommen hat. Das Projekt wurde vom BKK Dachverband gemeinsam mit mehreren Mitglieds-BKK entwickelt und in Kooperation mit anderen Kassenarten und Organisationen der Wirtschaft durchgeführt. In dem Projekt wurde ein neuer Weg eingeschlagen und Informationsveranstaltungen gemeinsam mit regionalen Partnern, die über einen guten und oftmals vertrauensvollen Zugang zu Betrieben verfügen, durchgeführt. Flankiert werden die Veranstaltungen durch spezifische Materialien, die für KMU entwickelt wurden.

NgD: Beim Thema Vorsorge und Prävention gibt es eher zu viel, als zu wenig Projekte, von denen nicht alle in die Regelversorgung überführbar sind, bzw. es an Nachhaltigkeit vermissen lassen. Gibt es aus Ihrem Haus so etwas wie ein „Pflichtenheft“ für neue Projekte, damit diese auch langfristig erfolgreich sind und einen erkennbaren Nutzen für den Patienten bringen?

Knieps: Grundlage aller geförderten Projekte ist der Leitfaden Prävention. Darin wird besonders auf Nachhaltigkeit und Evaluation gesetzt. Das Präventionsgesetz erlaubt es jetzt auch, innovative Modellprojekte im Rahmen der BGF durchzuführen. Durch den jahrzehntelangen Erfahrungsschatz der BKK in diesem Feld und die ständige Weiterentwicklung von strategischen Ansätzen sind wir permanent dabei die Betriebliche Gesundheitsförderung nachhaltig und wirksam zu gestalten. Im Rahmen der Initiative Gesundheit und Arbeit (iga) haben wir den iga-Report 28 veröffentlicht, in dem genau die Wirksamkeit und der Nutzen betrieblicher Prävention beschrieben wird. Darin findet sich eine Zusammenstellung der wissenschaftlichen Evidenz von 2006 bis 2012.

NgD: Macht es aus Ihrer Sicht langfristig Sinn, Mittel für Präventionsprogramme zum überwiegenden Teil von den Beitragszahlern der Krankenkassen finanzieren zu lassen? Ist Prävention nicht eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die auch gemeinsam angepackt werden muss?

Knieps: Absolut. Jeder Akteur hat für sein Ressort die Verantwortung die Lebens- und Arbeitsbedingungen gesundheitsförderlich zu gestalten. Was schon 1986 in der Ottawa Charta Thema war, gilt auch heute. Es bedarf einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik und ein eindeutiges politisches Engagement für Gesundheit, damit Chancengleichheit in allen Bereichen zustande kommt. Die GKV kann da nur zu einem gewissen Teil ihren Beitrag leisten.

NgD: Einige Kassen sind dabei, spezielle Angebote für ihre Mitglieder zu entwickeln, die darauf hinauslaufen, dass der Einzelne über Mobile Devices kontinuierlich seine Gesundheitsdaten zur Auswertung und Speicherung zur Verfügung stellt. Der Vorteil eines solchen Angebotes soll für den Versicherungsnehmer darin bestehen, dass er sich zu deutlich günstigeren Konditionen versichern kann und regelmäßige Rückmeldungen zur gesunden Lebensführung enthält. Wenn wir den datenschutzrechtlichen Aspekt für einen Augenblick ausklammern, was halten Sie von derartigen Angeboten?

Knieps: Wenig. Die gesetzliche Krankenversicherung ist nach wie vor vom Solidarprinzip bestimmt, bei der Beitragsgestaltung spielen Risikofaktoren des Versicherten keine Rolle. Eigenanstrengungen der Versicherten durch gesunde Lebensführung und der Betriebe durch Betriebliches Gesundheitsmanagement dürfen eben mit (begrenzten) Bonus-Anreizen belohnt werden.

NgD: In der Krebsvorsorge gibt es in den letzten Jahren eine ganze Reihe von wichtigen Erfolgsmeldungen: die breite Allianz gegen Rauchen zeigt erste Ergebniss, die Vorsorge-Untersuchungen zum Cervix-Carzinom sind wichtiger Bestandteil der Prävention geworden, nur beim Darmkrebs tun wir uns nach wie vor schwer, weil das Thema „familiäres Risiko beim Darmkrebs“ noch nicht in allen Köpfen der Entscheidungsträger in der Gesundheitspolitik angekommen ist. Wie müsste eine Strategie aussehen, damit wir mittelfristig die nach wie vor völlig inakzeptable Zahl von fast 70.000 Neuerkrankungen signifikant senken können?

Knieps: Die Folgen nachlässiger Vorsorge sind alarmierend: 27.000 Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen von Darmkrebs, obwohl Vorsorgeuntersuchungen bei den gesetzlichen Krankenkassen Teil des Leistungskatalogs sind. Leider gehen bislang zu wenige Menschen zur Früherkennung, deswegen müssen und wollen wir motivieren. Denn Darmkrebs ist heilbar, wenn er rechtzeitig erkannt wird!

Darauf setzt das „Aktionsbündnis gegen Darmkrebs“, an dem derzeit 64 Betriebskrankenkassen beteiligt sind. Das Einzigartige des Bündnisses ist es, dass den 55-jährigen Versicherten im Einladungsschreiben zur Koloskopie alternativ ein kostenloser immunologische Stuhltest angeboten wird, falls sie sich nicht zur Darmspiegelung entschließen können. Der immunologische Stuhltest ist viel genauer ist als der bislang von der GKV finanzierte und verwendetet 30 Jahre alte Haemoccult – Papierstreifentest. Er bietet eine sichere Chance, Vorerkrankungen und gegeben falls Darmkrebs im Frühstadium zu erkennen.

Damit nicht genug, in die Darmkrebs-Prophylaxe werden auch die Gruppe der 50- bis 54 jährigen Versicherten einbezogen. Sie werden ebenfalls schriftlich über das Thema Darmkrebsvorsorge informiert, verbunden mit der Empfehlung, sich einen immunologischen Stuhltest zusenden zu lassen.

Das „Aktionsbündnis gegen Darmkrebs“ versucht darüber hinaus auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz anzusprechen. Prävention und Gesundheitsförderung in den Betrieben werden immer wichtiger und sind ein Markenkern unserer Kassenart.

Hinter all diesen Aktivitäten steht das übergeordnete Ziel, die Zahl der Darmkrebstoten deutlich zu reduzieren, zumindest aber die Versicherten durch eine persönliche Ansprache zum Nachdenken über Darmkrebsprävention zu bewegen. Damit greift das „Aktionsbündnis gegen Darmkrebs“ ein zentrales Anliegen des Nationalen Krebsplanes auf und ist damit Anstoß für die Bundesregierung das bestehende Darmkrebsfrüherkennungsangebot in den kommenden drei Jahren zu einem organisierten Programm mit einem persönlichen Einladungsverfahren weiterzuentwickeln. Die Beratungen im Gemeinsamen Bundesausschuss über die inhaltliche und organisatorische Ausgestaltung des künftig bundesweit einheitlichen Darmkrebsfrüherkennungsprogramms haben begonnen. Das „Aktionsbündnis gegen Darmkrebs“ ist ein erfolgreiches Modellprojekt, das wichtige, fachliche Impulse für die derzeitige Beratung des Gemeinsamen Bundesausschuss gibt und hoffentlich bald zur neuen Regelversorgung führt.

NgD: Zum Schluss noch eine kurze Frage an den Mitbürger Franz Knieps: Wie sieht Ihr persönlicher Ratschlag zum Thema Prävention und Gesundheitsvorsorge aus?

Knieps: Gesundes Essen, gutes Zeitmanagement, Stressabbau.

 

Herr Knieps, vielen Dank für das Gespäch.

„Wir laufen Gefahr, bald nur noch Zuschauer zu sein!“

Freitag, 05. Februar 2016

Qualitativ hochwertige Grundlagenforschung auf der einen Seite, Unterfinanzierung und Verwertungsdefizite auf der anderen. Professor Dr. Michael Hallek, Köln, sieht im Interview mit Dr. Georg Ralle, Generalsekretär des Netzwerk gegen Darmkrebs, die Onkologie in Deutschland an einem Scheideweg.

 

Netzwerk gegen Darmkrebs: Bevor wir in die Zukunft blicken, zunächst noch ein paar Fragen zum Krebskongresses 2014, der unter Ihrer Regie stattfand. Sie forderten damals unter anderem mehr intelligente Konzepte in der Onkologie. Was haben Sie damit gemeint?

Hallek: Mit intelligenten Konzepten waren solche gemeint, die die interdisziplinäre Zusammenarbeit, Innovationen und eine Individualisierung der Therapie voranbringen.

NgD: Wurden diesbezüglich Fortschritte erzielt?

Hallek: In einigen Bereichen durchaus. Seit es in Deutschland Organ-, Krebs- und onkologische Spitzenzentren der Deutschen Krebshilfe gibt, und die Deutsche Krebsgesellschaft sich um deren Zertifizierung kümmert, nimmt der Vernetzungsgrad zwischen Vertretern verschiedener Fachdisziplinen tatsächlich zu – einfach weil die Kooperation viele Vorteile bringt.

NgD: Das heißt, dass auch die Sektorengrenzen allmählich überwunden werden und das so genannte Silodenken verschwindet. Wie tun Sie Köln dafür?  

Hallek: Dort gibt es seit 2010 das Netzwerk genomische Medizin Lungenkrebs. Wir starteten mit dem Ziel, Lungenkrebspatienten in Nordrhein-Westfalen eine umfassende und qualitativ hochwertige molekulare Diagnostik anzubieten und sie dann einer personalisierten Therapie zuzuführen. Heute arbeiten wir bundesweit mit Krankenhäusern und Praxen verschiedenster Fachrichtungen zusammen, um allen Krebspatienten in Deutschland den sektorenübergreifenden Zugang zu einer innovativen Präzisionsmedizin zu ermöglichen. Die großen Krebszentren müssen das sowieso machen, solche Ansätze werden also auch andernorts verfolgt. Darüber hinaus könnte sich auch der Nachwuchsmangel in manchen Disziplinen als Motor für ein sektorenübergreifendes Arbeiten erweisen. Der macht nämlich das Konkurrenzdenken obsolet. 

NgD: Was hat sich seit dem Krebskongress 2014 in puncto Innovationen getan?

Hallek: Hier sehe ich immer noch großen Nachholbedarf. Wir haben zwar vereinzelt eine sehr gute Grundlagenforschung, aber es fehlt an einem überzeugenden Konzept für die translationale Forschung. Unter anderem arbeiten die Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung daran, medizinische Forschungsergebnisse schneller zur Anwendung zu bringen. Auffallend ist auch, dass innovative Substanzen immer häufiger außerhalb Deutschlands entwickelt werden, meist in den USA. Das ist bedauerlich, denn vor wenigen Jahrzehnten war das noch umgekehrt. Der Grund für diese Trendwende ist meiner Meinung nach, dass wir die Forschung vernachlässigt haben. Dabei gibt es hierzulande durchaus gute strukturelle Bedingungen. Ich würde mir aber wünschen, dass aus Deutschland mehr große Entdeckungen kommen.

NgD: Woran fehlt es denn?

Hallek: Vielleicht an einem gewissen Pragmatismus, Forschungsergebnisse zu verwerten. Wir stehen vor einem Umbruch in der Onkologie und gewinnen unsere Erkenntnisse zunehmend aus Genomanalysen, bei denen enorme Datenmengen entstehen. Um sie auszuwerten, müssen wir Datenbanken in bislang nicht gekanntem Ausmaß miteinander vernetzen. In Deutschland lässt sich das momentan nur schwer verwirklichen. Wir stehen vor vielen Detailproblemen, die den freien Austausch von Informationen verhindern. Wie es gehen kann, zeigt ein Beispiel aus den USA. Dort haben sich große Krebskliniken geeinigt, ihre Daten ans National Institute of Health zu übermitteln, wo sie durch eine Firewall vor unbefugtem Zugriff geschützt sind. Innerhalb dieses Systems können aber alle Partner auf Patientendaten zugreifen, sie mit eigenen Daten kombinieren und auswerten. Wenn das funktioniert – wovon ich ausgehe – dann laufen wir Gefahr, bald nur noch Zuschauer zu sein.

Ein weiterer Aspekt ist die finanzielle Ausstattung der Labors. Die USA investieren viel Geld in die Precision Medicine Initiative, Großbritannien in das 100.000 Genomes Project. Wenn die deutsche Universitätsmedizin finanziell und personell nicht besser ausgestattet wird, kann sie international nicht mithalten. Möglicherweise ist das Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung hier wegweisend. An ihm wird sich zeigen, ob wir künftig eine Rolle spielen oder nicht.

NgD: Ein weitere Ihrer Forderungen ist, Patienten intensiver in die Therapieplanung einzubeziehen, um erfolgreicher agieren zu können. Wie ist die Resonanz darauf?

Hallek: Das ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Krebsbehandlung. Die Resonanz ist positiv.

NgD: Bleiben wir beim Patienten: Inwieweit ist es in Deutschland gelungen, die Psychoonkologie in der Regelversorgung zu verankern und damit auch sicherzustellen, dass die in diesem Zusammenhang entstehenden Kosten von den Kassen übernommen werden?

Hallek: Die Psychoonkologie hat leider immer noch keine Regelvergütung. Das muss sich ändern.

NgD: Werfen wir einen Blick auf den Krebskongress 2016. Das Motto lautete Krebsmedizin heute: präventiv, personalisiert, präzise und partizipativ. Wo erwarten Sie besonders interessante Schwerpunkte?

Hallek: Ich bin vor allem auf die Inhalte zur Partizipation gespannt. Frau Eggert, die Kongresspräsidentin, kommt aus der Kinderonkologie. Dort hat die Partizipation traditionell einen hohen Stellenwert. Hier können wir in der Erwachsenen-Onkologie sicher etwas lernen Die Inhalte zur personalisierten Medizin werden vermutlich das fortsetzen, was wir als individualisierte Medizin bereits auf dem Krebskongress 2014 als ein Schwerpunktthema hatten. Es zeichnete sich schon damals deutlich ab, dass Therapieentscheidungen für immer kleinere Patientengruppen gelten.

NgD: Nach dem Motto des Krebskongresses soll die Krebsmedizin auch präventiv sein. Erfahrungen und Daten zeigen jedoch, dass es schwierig ist, die Menschen zur Teilnahme an Früherkennungs- und Vorsorgemaßnahmen für bösartige Krankheiten wie Darmkrebs zu motivieren. Wie könnten wir auf diesem Weg schneller vorankommen?

Hallek: Das ist ein heikles Thema, denn die einzige Krebserkrankung, bei der ich Früherkennungs- und Vorsorgemaßnahmen für einigermaßen gut validiert halte, ist das Kolorektalkarzinom. Hier zeigen immer mehr Daten, dass eine Vorsorge Leben retten kann, ohne dass dieser Effekt etwa durch unverhältnismäßig viele Überdiagnosen verzerrt wird. Bei anderen Krebserkrankungen können künftig risikoadaptierte Programme sinnvoll sein, nicht aber populationsbasierte, bei denen die gesamte Bevölkerung gescreent wird. Derzeitige Daten rechtfertigen ein solches Vorgehen nicht mehr.

NgD: Abschließend noch eine Frage an den Arzt Michael Hallek, der sich bei allem gesundheitspolitischem und berufspolitischem Engagement einen großen Teil seiner Arbeit für seine Patienten freihält: Was wünschen Sie sich im Sinne Ihrer Patienten am dringlichsten?

Hallek: Ich denke da an zwei Dinge. Das eine sind bessere Behandlungsoptionen, die dazu führen, dass Krebserkrankungen geheilt oder wenigstens kontrolliert werden können. Ich erlebe immer wieder, welche Angst die Diagnose bei den Patienten auslöst, weil sie davon ausgehen, dass sie ihr Leben deswegen verlieren könnten.  Und bei knapp der Hälfte ist das ja auch so – nicht von heute auf morgen, aber innerhalb weniger Jahre.

Das zweite, was ich mir wünsche, ist noch mehr Zeit für die Patienten zu haben. Wir arbeiten in ökonomisch optimierten Institutionen und sind ja oft nicht nur Ärzte, sondern nebenbei auch Forscher und Manager. Patienten  wollen aber einen Arzt an ihrer Seite haben, der genug Zeit für sie hat. Das ist ein Wunsch, den sie selbst immer wieder äußern: Dass Ärzte mehr Zeit haben, um ein ruhiges Gespräch zu führen. Daher müssen das Gespräch und die Strategiefindung wieder einen höheren Stellenwert im Klinikalltag haben. Dafür werde ich mich einsetzen.

Herr Professor Hallek, vielen Dank für das Gespräch.