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HOHE TEILNAHME BEI DER DARMKREBSVORSORGE? NACH WIE VOR EIN ROTES TUCH!

Auch in diesem Jahr und mittlerweile zum 20sten Mal ruft die Felix Burda Stiftung im März gemeinsam mit der Stiftung Lebensblicke und dem Netzwerk gegen Darmkrebs e.V. dazu auf, über die Chancen der Prävention bei Darmkrebs zu informieren. Zum Auftakt des Darmkrebsmonat März sprachen wir mit Dr. Christa Maar – der Präsidentin des Netzwerk gegen Darmkrebs – über die Motivation der Bevölkerung zur Darmkrebsvorsorge.

Frau Dr. Maar, es ist Darmkrebsmonat März. Letztes Jahr fiel der erste Lockdown in den Zeitraum des Aktionsmonats. Das hat einiges an Aufmerksamkeit für das Thema Darmkrebsvorsorge abgezogen. Doch hat sich dies auch negativ auf die Teilnahme an der Darmkrebsvorsorge ausgewirkt?
Es gab lediglich in der letzten Märzwoche 2020, das heißt mit Beginn des Lockdowns, einen stärkeren Einbruch bei den Vorsorgekoloskopien. Doch wenn man die ersten drei Quartale 2020 betrachtet, dann hat sich diese Tendenz nicht fortgesetzt, sondern es wurden im Gegenteil sogar in dieser Zeit 9.500 mehr Vorsorgekoloskopien durchgeführt als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.Im Zusammenhang mit den Teilnahmezahlen an der Darmkrebsvorsorge führen Sie immer wieder an, dass zu wenig getan wird, um die Menschen für die Vorsorge zu motivieren. Können Sie das spezifizieren?

Im Nationalen Krebsplan wurde bereits vor 10 Jahren gefordert, dass man die Menschen zur Darmkrebsvorsorge einladen sollte. Warum? Weil ein bevölkerungsbezogenes Screening Programm für Darmkrebs nur dann effektiv sein kann, wenn möglichst viele Menschen aus der Zielgruppe an der Vorsorgeuntersuchung teilnehmen. Schon damals hatte ich in den Diskussionen, wie ein Einladungsverfahren umzusetzen sei, das Gefühl, dass es im deutschen Gesundheitswesen eine Aversion gegen den Begriff Teilnahmerate gab und stattdessen immer der Begriff der ‚informierten Entscheidung‘ dominierte. Es ist selbstverständlich, dass Menschen, denen man eine präventive Leistung anbietet, so informiert werden müssen, dass sie sich für oder gegen die Teilnahme entscheiden können. Doch statt in der sogenannten „Entscheidungshilfe“ zum Einladungsverfahren, dass nach 6-jähriger Diskussion im Juli 2019 endlich eingeführt wurde, sachlich und verständlich über den Nutzen und den eventuellen Schaden der angebotenen Untersuchungen zu informieren, werden die Eingeladenen auf vielen Seiten mit statistischen Beispielen traktiert, die eigentlich nur den Schluss zulassen: an dieser Krebsvorsorge teilzunehmen bringt nichts. Der Begriff ‚hohe Teilnahmerate‘ war schon vor 10 Jahren ein rotes Tuch für die Entscheider der Selbstverwaltung, die ihn dauerhaft aus dem Paper zur Weiterentwicklung der Darmkrebsvorsorge verbannt haben. Er ist es bis heute geblieben. Dazu kommt, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung sich ohnehin beim Verstehen von Gesundheitsinformationen schwertut. Entsprechend niedrig ist mit ca. 10 % die Teilnahme am immunologischen Stuhltest, die in anderen Ländern bei 60-70 % liegt. Unterm Strich kann man nur sagen: Aufgabe verfehlt.

Das ist die eine Seite, doch es gibt doch auch eine Broschüre in „leichter Sprache“. Dann können Betroffene doch einfach diese verwenden…

Es gibt sie zwar, aber sie wird offensichtlich nicht für das Einladungsverfahren genutzt. Sie ist tatsächlich leichter lesbar und verzichtet vor allem auf unsinnige Statistiken, deren Sinn sich vor allem Lesern mit geringer Gesundheitskompetenz nicht erschließt. Da man den Adressen, an die die Einladungen verschickt werden, nicht ansieht, welcher Empfänger eine eingeschränkte Medienkompetenz hat, eignet sich die Broschüre nicht für das Einladungsverfahren. Um sie zu finden, muss man schon wissen, dass ein Text in einfacher Sprache im Internet vorhanden ist und wo in den zahlreichen Unterverzeichnissen des G-BA er zu finden ist. Es handelt sich also eher um eine Angelegenheit für Spezialisten wie Ärzte, um damit Menschen mit einem eingeschränkten Schrift- oder Sprachverständnis zu unterstützen.
Es wäre interessant, einmal zu untersuchen, wie viele Darmkrebserkrankungen, durch die wenig einladende „Entscheidungshilfe“ und die dadurch verhinderte höhere Teilnahmerate, erst im fortgeschrittenen Stadium erkannt wurden und wie viele Todesfälle von Darmkrebs nicht verhindert wurden.

Sie sind Präsidentin des Netzwerk gegen Darmkrebs. Was tut das Netzwerk, um dem entgegen zu wirken?

Das Netzwerk gegen Darmkrebs kommt seinem Namen nach und vernetzt sich in erster Linie mit den wichtigen Fachgesellschaften in der Gastroenterologie.
Um Dinge im politischen System nachhaltig zu verändern, braucht es die Power und die Stimme vieler Institutionen. Wie bereits bei unserer Gemeinsamen Erklärung zur „Umsetzung des organisierten Darmkrebsscreenings durch den G-BA“ im Jahr 2018 haben wir uns auch nun wieder mit den wichtigen Playern in diesem Bereich, wie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), der Stiftung Lebensblicke, dem Berufsverband der Niedergelassenen Gastroenterologen (bng) und vielen weiteren zusammen geschlossen, um mit der notwendigen Fachkompetenz zur Weiterentwicklung des Einladungsverfahrens zur Darmkrebsvorsorge und der Generierung höherer Teilnahmequoten beizutragen.

Vielen Dank für das Gespräch.