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Prävention und Gesundheitsförderung in den USA: Überraschender Anstieg von Darmkrebs-Neuerkrankungen bei unter 50-jährigen Patienten

Montag, 24. Juli 2017

Interview mit Frau Prof. Dr. Cornelia Ulrich, Senior Director für Population Sciences, Krebsforschungszentrum Salt Lake City, USA

Netzwerk gegen Darmkrebs: Seit 2015 gibt es in Deutschland endlich ein Präventionsgesetz, in dem Maßnahmen zur Vorbeugung von Krankheiten, allgemeine Gesundheitsförderung und Früherkennung von Krankheiten benannt sind. Bis auf wenige Modellprojekte spüren die Bürger allerdings wenig von diesem neuen Gesetz, da nicht einmal notwendige Impfungen (wie z.B. gegen Masern) im Gesetz verbindlich verankert sind. Gibt es ein ähnliches Gesetz in den USA, bzw. welche staatlichen Rahmenbedingungen sind aus Ihrer Sicht für die Prävention besonders wichtig?

Prof. Ulrich: Auch in den USA sind Prävention und Strategien zur Implementierung in die Bevölkerung ein wichtiges Diskussionsthema in der Regierung. Ein Meilenstein setzte das in 2010 unterzeichnete und in Kraft gesetzte Gesetz der Patient Protection and Affordable Care Act (ACA), auch bekannt als ‚Obamacare’. Hierdurch werden $15 Milliarden über 10 Jahre in die Krankheitsprävention investiert und ein Nationales Präventionskonzil wurde eingesetzt, um den Einsatz der Regierung zur Verbesserung der Prävention1 zu beaufsichtigen. Zahlreiche präventive Strategien und Programme werden auch in den USA entwickelt, um die Vorbeugung2 von Krankheiten, allgemeine Gesundheitsförderung und Früherkennung von Krankheiten zu fördern. Der Fokus liegt hierbei auf Ernährung, körperlicher Bewegung, Raucherprävention und mentaler Gesundheit.

NgD: Die aktuellen Zahlen des Robert Koch-Instituts zeigen, dass es nach wie vor über 60.000 Neuerkrankungen von Darmkrebs und annähernd 25.000 Todesfälle pro Jahr bei dieser Krebserkrankung in Deutschland gibt. Können Sie kurz die Situation in den USA beschreiben – sehen Sie Trends, die sich bereits heute erkennen lassen?

Ulrich: In den USA lagen die Zahlen von Darmkrebs3 in 2016 bei über 135.000 Neuerkrankungen und rund 50.000 Todesfällen. Auch wenn diese Zahlen die Liste der Krebserkrankungen immer noch zu den Führenden gehören, ist in den vergangenen Jahren ein deutlicher Trend zum Rückgang der Neuerkrankungen zu sehen, sowie verbesserte Überlebensraten. Allerdings gibt es einen überraschenden Anstieg von Fällen bei unter 50-jährigen. Es ist derzeit nicht klar, warum diese jungen Menschen vermehrt erkranken, aber unter anderem stehen Fettleibigkeit im Kindes- und Jugendalter oder Ernährungsfaktoren im Verdacht.

NgD: Welche Präventionsprogramme gegen Darmkrebs gibt es in den USA, wie effizient sind diese und was können wir in Deutschland davon lernen?

Ulrich: In den USA gibt es zahlreiche Programme, um speziell die Darmkrebsprävention zu fördern. Beispielsweise gibt es von den „Centers for Disease Control and Prevention’’4 zwei Programme:

1)    CDC’s Screen for Life: National Colorectal Cancer Action Campaign, die über 50-Jährige Männer und Frauen über die Wichtigkeit von Darmkrebsvorsorgeuntersuchungen aufklärt.

2)   CDC’s Colorectal Cancer Control Program, welches zum Ziel hat, die Raten von Darmkrebsvorsorgeuntersuchungen landesweit zu steigern.

Daneben gibt es zahlreiche regionale aber auch nationale Programme, die sich für die Prävention durch eine gesunde Lebensweise einsetzen.

NgD: Ihr ehemaliger Kollege am DKFZ, Hermann Brenner5, hat soeben zwei Studien aus Süddeutschland veröffentlicht, in denen nachgewiesen wird, dass die Absenkung des Alters bei Männern von 55 auf 50 Jahren für die erste Darmkrebsvorsorge einen signifikanten Vorteil erbringt. Bei über 8 Prozent der untersuchten Männer ließen sich Adenome, d.h. Vorstufen von Darmkrebs nachweisen. Obwohl bei den Betroffenen durch rechtzeitige Detektion der Adenome eine Darmkrebserkrankung vermieden werden konnte, erntet das DKFZ deutliche Kritik von Jürgen Windeler vom IQWiG, weil „eine Abwägung von Schaden und Nutzen“ der Untersuchung fehlen würde. Wäre so etwas auch in den USA möglich?

Ulrich: Mit Sicherheit würden solche zukunftsweisenden und gründlich durchgeführten Studien in den USA rasch in den Rahmen der Evidenz aufgenommen werden. Es ist wichtig, dass man die Stärken und Schwächen aller Studien berücksichtigt und nachvollzieht, dass in vielen Fällen nur Evidenz aus beobachtenden Studien zeitnah zur Verfügung steht. Diese bevölkerungsbezogenen Studien sind enorm wichtig und informativ, auch wenn sie nicht alle Kriterien erfüllen.  Wie ich ja bereits oben angesprochen habe, wird die Evidenz für Darmkrebsscreening in den USA als ausreichend für die über 50-jährigen gesehen – und gleichzeitig haben wir steigende Neuerkrankungen bei jüngeren Menschen – von meiner Warte her spricht also damit alles auch für eine niedrigere Altersgrenze in Deutschland.

NgD: Von Deutschland aus betrachtet kann man den Eindruck gewinnen, dass es in den USA einerseits zahleiche sehr gesundheitsbewusste Bürger gibt, die bereit sind, Geld für ihre Gesundheit auszugeben, auf der anderen Seite scheinen Adipositas und andere, gravierende Erkrankungen zuzunehmen. Wie reagiert die Regierung auf diese Trends?

Ulrich: Leider sind ungesunde Lebensweisen und damit verbundene Erkrankungen, wie beispielsweise Adipositas immer noch ein gravierendes Problem in vielen Staaten der USA. Jedoch gibt es viele Organisationen und Programme, die sich für die Aufklärung der Gesellschaft, vor allem der jüngeren Generationen und der sozial Schwächeren über gesunde Lebensweisen und Prävention einsetzen. Michelle Obama hatte speziell die Bekämpfung von „childhood obesity“ auf ihre Agenda geschrieben und mit viel Elan vertreten. Man wird sehen, wie dies nun weitergeht.

NgD: Können Sie schon erkennen, wie künftig die Gesundheitsvorsorge, speziell der Bereich der Prävention in den USA geregelt sein wird – was kommt nach „Obama-Care“?

Ulrich: Viele Menschen in den USA kämpfen gerade sehr engagiert für den Erhalt von „Obama-Care“. Zum Beispiel geniesst der neue Senatsentwurf einer Gesundheitsreform laut Umfragen nur 12% Zustimmung. Es wird sich natürlich erst in den nächsten Monaten zeigen, wie die Entwicklung weitergeht. Zum Glück gibt es auch unabhängig vom Weissen Haus viele einflussreiche Menschen in den USA, ebenso wie viele Politiker in beiden Parteien, denen die Krebsprävention und Gesunderhaltung der Bevölkerung sehr am Herzen liegt. Ausserdem ist der Föderalismus sehr ausgeprägt und die einzelnen Bundesstaaten haben einen grossen Einfluss auf Programme zur Krebsprävention. Im Bundesstaat Utah, in dem ich jetzt zu Hause bin, steht ein gesunder Lebensstil besonders hoch im Kurs. Wir haben insgesamt die geringsten Raucherraten der USA (nur 9%) und stehen auch bei körperlicher Aktivität (viert höchste) mit ganz oben. 74% der über 50-jährigen hatten mindestens eine Koloskopie oder Sigmoidoskopie.
Unsere Raten6 für Krebserkrankungen, die durch Lebensstil beeinflusst werden, sind deutlich geringer. Das trifft auch auf Darmkrebs zu, mit etwa 22% weniger Neuerkrankungen als im US Durchschnitt. Das sind mit Sicherheit gute Nachrichten – wir können Darmkrebs erfolgreich bekämpfen!

Frau Professor Ulrich, vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Herr Dr. Georg Ralle, Generalsekretär des Netzwerk gegen Darmkrebs e.V.

 

 

Linkhinweise:

1)      https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21139405

2)      https://www.cdc.gov/features/preventionstrategy/

3)      https://www.cancer.org/cancer/colon-rectal-cancer/about/key-statistics.html

4)      https://www.cdc.gov/cancer/colorectal/

5)      https://www.aerzteblatt.de/archiv/186170/Sollte-die-Vorsorgekoloskopie-bereits-ab-50-Jahren-angeboten-werden; https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27213584; https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26862831

6)      https://statecancerprofiles.cancer.gov/quick-profiles/index.php?statename=utah#t=1

Aktuelle DKFZ-Studie belegt einmal mehr: Der allergrößte Teil der Darmkrebserkrankungen und Sterbefälle könnte durch konsequente Vorsorge vermieden werden.

Donnerstag, 23. Februar 2017

Interview mit Prof. Dr. Hermann Brenner, Leiter der Abteilung Klinische Epidemiologie & Alternsforschung
Deutsches Krebsforschungsinstitut DKFZ, Heidelberg

Netzwerk gegen Darmkrebs: Herr Prof. Brenner, Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die Deutschen nach wie vor „Präventionsmuffel“ sind? Der Termin für die TÜV-Untersuchung des Autos wird eingehalten, aber der Gang zur Vorsorgeuntersuchung scheint für viele Menschen ein hohes Hindernis zu bedeuten.

Prof. Hermann Brenner: Noch immer haben wir in Deutschland, zumindest für die Darmkrebs-Vorsorge, kein organisiertes Programm, das als Kern-Element gezielte Einladungen mit qualifizierter Information beinhaltet. Diese zentrale Forderung des Nationalen Krebsplans wartet immer noch auf Umsetzung. Unsere europäischen Nachbarländer haben gezeigt, wie mit solchen Programmen eine sehr viel höhere Teilnahme an wirksamen Vorsorge-Untersuchungen erreicht werden kann.

NgD: Unter den verschiedenen Vorsorgeuntersuchungen sticht die Koloskopie positiv heraus. Nach aktuellen Zahlen des DKFZ konnten bei insgesamt 4 Millionen Koloskopien 180.000 Fälle von Darmkrebs vermieden werden. Was unterscheidet die Darmkrebsvorsorge so signifikant von anderen Vorsorgeuntersuchungen?

Brenner: Darmkrebs entwickelt sich, im Gegensatz zu vielen anderen Krebserkrankungen, in aller Regel langsam über viele Jahre aus gutartigen Vorstufen, den sogenannten Adenomen. Bei der Koloskopie können diese Adenome entdeckt und abgetragen werden. Mit der Darmkrebs-Vorsorge kann  daher nicht nur eine Früherkennung bereits bestehender Krebserkrankungen erreicht werden, sondern die Krebserkrankungen können verhütet werden, bevor sie sich entwickelt haben. Das macht die Darmkrebs-Vorsorge so außergewöhnlich effektiv, was bei der Häufigkeit der Erkrankung dann zu den von Ihnen genannten sehr hohen Zahlen verhüteter Fälle von Darmkrebs führt.

NgD: Sie haben kürzlich im Deutschen Ärzteblatt die Ergebnisse von zwei Studien im Südwesten Deutschlands vorgestellt, bei der die Altersgrenze für die Darmkrebsvorsorge auf 50 Jahre abgesenkt war. Wer war der Initiator dieser Studien und wie viele Versicherte nahmen daran teil?

Brenner: Die erste, von unserer Arbeitsgruppe am Deutschen Krebsforschungszentrum initiierte Studie haben wir gemeinsam mit dem am Saarländischen Gesundheitsministerium angesiedelten Krebsregister Saarland durchgeführt. Hier waren zwei komplette Altersjahrgänge der saarländischen Bevölkerung, insgesamt ca. 100.000 Personen, einbezogen, die mit einem Schreiben des Saarländischen Gesundheitsministers umfassend über die Angebote der Darmkrebsvorsorge informiert und zur Teilnahme eingeladen wurden. In der zweiten Studie haben wir das Angebot der Vorsorge-Koloskopie schon ab 50 Jahren, das die AOK Baden-Württemberg die Bosch BKK ihren im Facharztprogramm Versicherten anbietet, wissenschaftlich evaluiert. Hier waren fast 85.000 Personen eingeschlossen.

NgD: Bei immerhin 8,6% der untersuchten Männer im Alter von 50-54 Jahren wurden fortgeschrittene Adenome erkannt, die als Vorstufe für Darmkrebs anzusehen sind. Ist das nicht ein wichtiges Argument die Altersgrenze für Vorsorgekoloskopie bei Männern auf 50 Jahre zu senken und gleichzeitig nach Wegen zu suchen, die Teilnahmequote deutlich zu erhöhen?

Brenner: Dem kann ich uneingeschränkt zustimmen. Bei Männern im Alter von 50-54 Jahren waren solche Krebsvorstufen damit sogar noch deutlich häufiger als bei Frauen in allen Altersstufen zwischen 55 und 75 Jahren, bei denen die Vorsorgekoloskopie seit langem angeboten wird, was ganz erheblich zu den von Ihnen Zahlen der verhüteten Darmkrebserkrankungen beigetragen hat.

NgD: Können Sie die kritischen Bemerkungen von Prof. Windeler vom IQWiG zur Veröffentlichung der Studien nachvollziehen, die in diesen Tagen von einer großen, überregionalen Zeitung aufgegriffen wurden?

Brenner: Nein, diese sind nicht nachvollziehbar. Selbstverständlich muss man, wie von Herrn Windeler angemahnt, bei jeder Vorsorgeuntersuchung Schaden und Nutzen gegeneinander abwägen. Aber gerade auf der Basis solcher Abwägungen empfehlen die von führenden Experten erstellten nationalen und internationalen Leitlinien ja schon lange die Vorsorge ab 50 (und nicht erst ab 55), bei speziellen Risikogruppen noch früher. Unsere aktuelle Studie unterstreicht einmal mehr die Sinnhaftigkeit dieser Empfehlungen. Und angesichts der Tatsache, dass der allergrößte Teil der Darmkrebserkranungen und –sterbefälle durch Vorsorge vermieden werden könnte, finde ich die von Herrn Windeler propagierte Aufgabe des Ziels, die Teilnahmeraten an der Darmkrebsvorsorge zu steigern, schon sehr zynisch. Selbstverständlich ist, dass die Bemühungen um eine Steigerung der Teilnahme mit einer bestmöglichen Information der Anspruchsberechtigten einhergehen sollte, wie wir das in unseren Studien praktiziert haben.

NgD: Von Winston Churchill ist bekannt, dass er seinen Landsleuten „no sports“ empfahl und auch deutsche Politiker haben sich in der Vergangenheit gerne mit Zigarre oder Zigarette in der Öffentlichkeit gezeigt. Kann man da nicht eine gewisse Sympathie mit dem Saarländischen Gesundheitsminister haben, wenn er den Bürgern zum 50. Geburtstages empfiehlt zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen?

Brenner: Das ist ganz sicher eine sehr viel Menschen- und Lebensfreundlichere Empfehlung als die von Ihnen genannten Beispiele!

 

Herr Professor Brenner, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dr. Georg Ralle, Generalsekretär des Netzwerk gegen Darmkrebs e.V.

Bluttest statt Stuhltest? Endlich ein Silberstreifen am Horizont – Stationen auf dem steinigen Weg zur Darmkrebsfrüherkennung mittels Blutprobe durch den Hausarzt

Dienstag, 20. Dezember 2016

Thomas Seufferlein, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin, Universitätsklinikum Ulm, im Gespräch mit dem Netzwerk gegen Darmkrebs e.V. zu den Themen Prävention, Vorsorgemuffel und neuen Testverfahren zur Früherkennung von Krebs.

Netzwerk gegen Darmkrebs: Nach jahrelangen Beratungen ist 2015 endlich ein Präventionsgesetz beschlossen worden, das in den Bereichen Vorbeugung gegen Krankheiten (Prävention), Gesundheitsförderung und Früherkennung von Krankheiten zahlreiche Maßnahmen beinhaltet. Trotzdem ist es bis heute nicht gelungen, sinnvollen Präventionsmaßnahmen wie z.B. der bundesweiten, verpflichtenden Impfung gegen Masern, zum Durchbruch zu verhelfen – wie lässt sich das erklären?

Prof. Thomas Seufferlein: Ich denke, Prävention ist als Konzept noch immer nicht ausreichend der Bevölkerung vermittelt worden. Bei verpflichtenden Maßnahmen gibt es zudem von vielen Seiten Widerstände und beim Thema Impfung in Deutschland –leider immer noch und anders als im europäischen Ausland – hohen Diskussionsbedarf.

NgD:  Den größten Erfolg in Sachen Prävention verdanken wir (lange vor in Kraft treten des Präventionsgesetzes) der konsequenten, jahrelangen Arbeit des DKFZ zum Thema Rauchen. Die Heidelberger Wissenschaftler haben nachdrücklich vor den Gefahren des Rauchens, als Risikofaktor Nr. 1 im Bereich Herz-Kreislauf und onkologischen Erkrankungen gewarnt und „alle Hebel in Bewegung gesetzt“, damit das Thema in der Gesundheitspolitik ankommt. Trotzdem ist Tabakwerbung in Deutschland (als einziges Land in der EU, das nach wie vor massive Werbung für Tabak zulässt) in perfider Form allgegenwärtig, die vor allem junge Menschen anspricht.

Seufferlein: Ich stimme mit ihnen überein, dass wir bei der Tabakwerbung kompromisslos sein müssen. Die neuen Aufdrucke auf den Zigarettenpackungen mögen den einen oder anderen vom Rauchen abhalten, ein Verbot der Tabakwerbung ist angesichts der Gefahren des Rauchens aber überfällig.

NgD: Jährlich erkranken in Deutschland rund eine halbe Million Menschen an Krebs. Wenn wir den „Risikofaktor“ Alter einmal außer Acht lassen, was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Trigger, d.h. wo muss Prävention deutlich intensiviert werden?

Seufferlein: Wir müssen die Akzeptanz von und das Wissen um Prävention erhöhen. Viele Menschen meinen immer noch, es sei nicht nötig zur Vorsorge zu gehen, wenn man keine Beschwerden hat – das Gegenteil ist natürlich der Fall. Ein weiterer, wichtiger Faktor ist unsere Lebensweise – zu wenig Bewegung, Übergewicht und eine teilweise ungesunde Zusammensetzung der Ernährung mit zu viel rotem Fleisch und zu wenig Obst und Gemüse. Krebs ist in vielen Fällen in der westlichen Welt auch eine Zivilisationskrankheit. Wir müssen Menschen – insbesondere auch jungen Menschen – diese Erkenntnisse näherbringen und frühzeitig Maßnahmen zur Förderung einer gesunden Lebensweise aufzeigen, am besten schon in den Schulen.

NgD: Kommen wir zu den „Vorsorgemuffeln“, den deutschen Männern, die mit großer Selbstverständlichkeit ihr Fahrzeug regelmäßig zum TÜV bringen, aber nach wie der Gesundheitsvorsorge einen eher geringen Stellenwert einräumen. Gibt es ein „Patenrezept“, ggf. in Form von Bonusprogrammen o.ä., wie man zu besseren Teilnahmeraten bei Vorsorgeuntersuchungen kommen könnte? Was sollten wir von unseren europäischen Nachbarn lernen?

Seufferlein:
Das starke Geschlecht ist hier wirklich schwach. Ich denke, Vorbilder können hier sehr positiv wirken, wie z.B. Kampagnen der Felix Burda Stiftung gezeigt haben. Auch regionale Aktionen wie „1000 mutige Männer“, die an den Sportsgeist appellieren, sind erfolgreich. Eine zusätzliche Aufforderung durch ein Einladungsverfahren, wie es in anderen europäischen Ländern bereits seit längerem durchgeführt wird, halte ich ebenfalls für hilfreich.

NgD: Alle wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Darmkrebs zeigen, dass die Krankheit bei der Diagnose in einem frühen Stadium so gut wie vollständig geheilt, bzw. vermieden werden kann. In Rahmen einer Koloskopie können Polypen und/oder Adenome erkannt und entfernt werden, so dass der Patient mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Darmkrebs bekommen wird. Trotz der großen Zahl von Vorsorgeuntersuchungen gehen jedoch immer noch viel zu wenig Menschen zur Vorsorge, so dass die Kassen ab 2017 alle Versicherten über 50 Jahre zur Vorsorge einladen werden. Wird es aus Ihrer Sicht einen „Ansturm“ von Patienten geben und wenn ja, sind die Gastroenterologen darauf vorbereitet?

Seufferlein: Wir haben in Deutschland in den vergangenen Jahren seit Einführung der Vorsorgekoloskopie mehrere Millionen Menschen erfolgreich im Rahmen der Vorsorgekoloskopie untersucht. Viele Menschen erhalten auch wegen Beschwerden, z.B. Blut im Stuhl, außerhalb der Darmkrebsvorsorge eine Koloskopie, so dass die Gesamtzahl der mittels Koloskopie gescreenten Menschen im Alter von 55 bis 75 Jahren gar nicht so klein ist. Trotzdem hoffen wir alle, dass durch das Einladungsverfahren das Interesse an einer Teilnahme an der Darmkrebsvorsorge steigt. Die Gastroenterologen sind darauf gut vorbereitet. Im Einzelfall kann es zu Wartezeiten für Koloskopien kommen, die aber im Bereich von wenigen Wochen liegen dürften. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass wir durch das Einladungsverfahren nicht nur einen einmaligen Ansturm, sondern eine nachhaltige Erhöhung der Beteiligungsrate der Berechtigten an der Darmkrebsvorsorge erreichen.

NgD: Zahlreiche Menschen lehnen die Koloskopie ab, da es sich um einen invasiven Eingriff handelt. Sei es, dass medizinische Gründe vorliegen, sei es, dass der Einzelne Angst vor der Untersuchung hat. Könnte die Alternative eine Kapselkoloskopie sein und welche Erfahrungen/Ergebnisse liegen zu dieser Methode vor?

Seufferlein: Häufiger Grund für die Ablehnung einer Koloskopie ist die Vorbereitung durch eine Darmspülung, die erreichen soll, dass der Darm komplett sauber ist und dadurch alle Veränderungen im Darm, insbesondere Polypen, entdeckt werden. Die Darmspülung ist aber bei einer Kolonkapseluntersuchung ebenfalls erforderlich und muss sogar noch intensiver sein, da die Möglichkeit fehlt, Verschmutzungen vor Ort wegzuspülen, was mit dem Koloskop dagegen gut möglich ist. Die Kapselendoskopie liefert – wenn der Darm entsprechend sauber ist – hervorragende Bilder und eignet sich zum Auffinden von Polypen. Allerdings hat die Untersuchung den Nachteil, dass man eine Koloskopie anschließen muss, wenn Polypen entdeckt werden. In meinen Augen ist daher die Kapselendoskopie als Vorsorgemaßnahme ein Reserveverfahren.

NgD: Inzwischen kommt der alte Gujak-basierte Test in der Darmkrebsvorsorge nicht mehr zum Einsatz. Stattdessen wird der neue immunchemische Test angewandt. Gibt es schon Hinweise darauf, dass sich die Früherkennung von Darmkrebs dadurch verbessert hat?

Seufferlein: Die Daten sprechen eindeutig dafür, dass der neue immunchemische Test eine bessere Sensitivität und bessere Spezifität als der Gujak-basierte Test hat und daher dem Gujak-Test deutlich überlegen ist.

NgD: Parallel zu der Weiterentwicklung der Stuhl- und Urintests arbeitet die Industrie an neuen Verfahren, um durch Bluttests die Früherkennung von Darmkrebs auf eine neue Stufe zu stellen, bzw. sogar zu revolutionieren. Sehen Sie eine Chance, dass der Arzt künftig bei seinen regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen mit einem ähnlich simplen Verfahren wie bei der Bestimmung des Blutzuckers spezifische Marker angezeigt bekommt, die Hinweise auf (Vorstufen) des Darmkrebs geben?

Seufferlein: Es werden intensive Anstrengungen unternommen, Marker im Blut zu finden, die eine Früherkennung von Darmkrebs erlauben. Ziel wäre es, bei einer einfachen Blutentnahme, die der Hausarzt durchführen kann, mit hoher Genauigkeit Darmkrebs in frühen Stadien erkennen zu können. Dabei kommen unterschiedliche Verfahren zum Einsatz, die z.T. schon sehr vielversprechende Ergebnisse liefern. Ich bin überzeugt, dass wir in den nächsten 5 Jahren die ersten blutbasierten Teste für eine Früherkennung von Darmkrebs im praktischen Einsatz haben werden. Bis wir sogenannte „fortgeschrittene“ Polypen, also unmittelbare Vorstufen von Darmkrebs, mit derselben Genauigkeit anhand von blutbasierten Markern erkennen können, wird es wahrscheinlich noch etwas länger dauern.

NgD: Der demographische Wandel in Verbindung mit deutlich besseren diagnostischen und therapeutischen Methoden wird dazu führen, dass die Zahl der Krebspatienten, die nach Operation und/oder Chemotherapie mehr oder weniger Beschwerdefrei leben, ansteigen wird. Gibt es Überlegungen/Konzepte dazu, wie die große Anzahl dieser Patienten auch psychoonkologisch betreut werden kann?

Seufferlein: Sie haben Recht. Dies betrifft auch Menschen mit einer fortgeschrittenen Darmkrebserkrankung Durch eine deutlich Verbesserung der therapeutischen Möglichkeiten leben heute auch Menschen mit Darmkrebs deutlich länger als früher mit ihrer Krebserkrankung. Dies stellt die Patienten vor große psychische Herausforderungen. Deshalb ist es ein Anliegen u.a. in zertifizierten Darmkrebszentren allen Patienten mit einer Darmkrebserkrankung eine psychoonkologische Betreuung anzubieten. Der Bedarf an psychoonkologischer Betreuung wird bei den Patienten heutzutage oft mittels speziellen Testinstrumenten erfasst. Patienten, bei denen diese Tests eine Belastung anzeigen, werden dann psychoonkologisch betreut.

Herr Prof. Seufferlein, herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Der höchste Risikofaktor für Darmkrebs ist die familiäre Belastung

Montag, 21. Dezember 2015

Frau Dr. Christa Maar, Präsidentin des Netzwerk gegen Darmkrebs e.V., im Interview mit der Ärzte Zeitung anlässlich des Innovationsworkshops am 16./17.11.2015 in Heidelberg

Ärzte Zeitung: Sie haben mit Ihrer Arbeit in den zurückliegenden Jahren viel für die Verbesserung der Darmkrebsvorsorge in Deutschland erreicht. Wo sehen Sie gegenwärtig noch den größten Handlungsbedarf?

Dr. Christa Maar: Bei Menschen, die ein familiäres Risiko für Darmkrebs haben. Sie erkranken häufiger und oft in einem wesentlich früheren Alter als familiär nicht belastete und müssten entsprechend früher mit der Vorsorge beginnen, denn auch für sie gilt: Darmkrebs lässt sich durch Vorsorge verhindern.  Tatsache ist aber, dass sie keinen gesetzlichen Anspruch auf eine vorgezogene präventive Koloskopie haben. Die geltenden gesetzlichen Früherkennungsrichtlinien kennen gegenwärtig keine Regelung für spezielle Risikogruppen.  Im Alter von 55 Jahren, wenn alle Bürger einen gesetzlichen Anspruch auf eine Vorsorgekoloskopie habe, sind viele familiär belastete Menschen bereits – oft unheilbar – an Darmkrebs erkrankt. In einem Solidarsystem sollte es das nicht geben, dass eine  identifizierbare Risikogruppe – mit ca. 4 Millionen Betroffenen ist sie nicht gerade klein zu nennen -, die gegenüber der Normalbevölkerung ein zwei- bis vierfach höheres Risiko für die Entwicklung von Darmtumoren hat, völlig durch den Rost fällt. Zumal wir bei dieser Tumorerkrankung ja mit der Koloskopie eine Screening Methode zur Verfügung haben, mit der sich der Krebs tatsächlich verhindern lässt. Das gilt ja nicht nur für Menschen mit durchschnittlichem Risiko, das gilt vor allem auch für die Angehörigen der Hochrisikogruppe.

Was muss getan werden, um diese Versorgungslücke zu beheben?

Zunächst einmal muss die Risikogruppe mit familiärem Darmkrebs in der Früherkennungsrichtlinie abgebildet werden. Sie muss einen gesetzlichen Anspruch auf risikoangepasste Früherkennung entsprechend der Empfehlungen der wissenschaftlichen Leitlinie erhalten: Erste Vorsorgekoloskopie 10 Jahre vor dem Alter, in dem bei dem jüngsten der an Darmkrebs erkrankte Familienmitglieder die Diagnose gestellt wurde, spätestens jedoch mit 40 bis 45 Jahren. Bei Vorliegen eines HNPCC/Lynchsyndroms, einer erblichem Form von Darmkrebs, wird allen erstgradigen Verwandten sogar die koloskopische Untersuchung ab dem Alter von 25 Jahren empfohlen. Die Gewährung des Anspruchs ist die absolute Minimalvoraussetzung, um die Situation der Risikogruppe zu verbessern. Sie würde darüber hinaus dem koloskopierenden Arzt die Möglichkeit geben, die Koloskopie bei familiär Belasteten unter 55 Jahren korrekt abzurechnen, nämlich als Vorsorgeuntersuchung,  statt wie bisher als diagnostische Koloskopie. Dies ist aber nur der erste Schritt, mit dem noch nichts für die Identifikation und Aufklärung familiär belasteter Menschen getan ist.

Die meisten Betroffenen wissen nicht, dass sie ein erhöhtes Risiko für Darmkrebs haben. Nicht einmal in vielen stark belasteten Familien, in denen mehrere Fälle von Darmkrebs vorkommen, ist das erhöhte Risiko bewusst. Der Schlüssel zu mehr Bewusstsein sind die Familie und das Arztgespräch. Beides findet in der Regelversorgung gegenwärtig zu wenig statt. Wir brauchen fach- und bereichsübergreifende Strategien, um familiär Belastete mit der Familienanamnese frühzeitig identifizieren und über risikoangepasste Vorsorge  beraten zu können. Beispielsweise sollten alle Kliniken den bei ihnen behandelten Indexpatienten Informationen für ihre Angehörigen mit nach Hause geben, auch Praxen, die Darmkrebspatienten behandeln, sollte jedem Patienten Informationsmaterial für die Angehörigen ausgehändigt werden. Und um von einem erhöhten Risiko Betroffene frühzeitig erkennen und beraten zu können, sollten die beteiligten Arztgruppen – in der Hauptsache sind hier die Hausärzte angesprochen, aber auch die Gastroenterologen und Onkologen – in regelmäßigen Abständen die Familienanamnese erheben.

Gibt es spezielle Gründe, dass in der Krebsfrüherkennungsrichtlinie  das Screening für die Hochrisikogruppen nicht verankert ist?

Bis in die 1990er Jahren gab es wohl die Begründung, dass es keine gesicherten Methoden zur Feststellung des familiären und erblichen Darmkrebsrisikos gebe und man nicht wisse, wer wann wie untersucht werden solle.  Das hat sich geändert. Seit 1990 gibt es die sogenannten Amsterdamkriterien, mit denen sich das erhöhte Risiko feststellen lässt. Sie wurden 1997 um die Bethesdakriterien ergänzt. Wir hatten also eine lange Zeit, um die Anwendung zu erproben.  Mit Hilfe dieser Kriterien, die sich auf die Familienanamnese stützen, lässt sich feststellen, ob in einer Familie ein leicht, mittel oder stark erhöhtes Risiko für Darmkrebs vorliegt. Die wissenschaftlichen Leitlinien, die Empfehlungen für die Vorsorge familiär belasteter Menschen geben, sind international gleichlautend. In Deutschland wurden sie von der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) entwickelt. Menschen mit familiärem Darmkrebsrisiko sind diejenige Risikogruppe,  die am meisten von der Darmkrebsvorsorge profitiert, da die Koloskopie bei ihnen wesentlich mehr Befunde als bei Menschen mit durchschnittlichem Risiko zu Tage fördert. Man müsste also alles daran setzen, um Mittel und Wege zu finden, betroffene Personen frühzeitig zu identifizieren und aufzuklären. Das wird leider nicht von allen so gesehen. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG)  hat im Jahr 2013  in seinem Abschlussbericht zu einem Antrag auf Aufnahme der Hochrisikogruppe für Darmkrebs in die Krebsfrüherkennungsrichtlinie festgestellt: Menschen mit familiärem Darmkrebsrisiko  haben zwar ein zwei- bis vierfach erhöhtes Risiko, doch fehlen  hochwertige Studien, die den Nutzen einer vorgezogenen Früherkennung für sie belegen. Jeder koloskopierende Arzt kennt aus seiner täglichen Praxis genügend Fälle, wo er einem jungen Patienten aus einer Hochrisikofamilien sagen muss, dass die Untersuchung einen Darmkrebsbefund ergeben hat, der, wäre der Patient einige Jahre früher gekommen, nicht aufgetreten wäre. Sollte man bei solcher Art von Nutzenfragen nicht vielleicht besser auf  ärztliches Erfahrungswissen für den Nutzen vertrauen als den fehlenden Nutzennachweis durch RCTs zu bemängeln, die von keiner Ethikkommission jemals genehmigt würden?

Was tut die Felix Burda Stiftung und was tut das Netzwerk gegen Darmkrebs, um die Situation bei familiärem Darmkrebs zu verbessern?

Wir versuchen bereits seit Jahren auf mehreren Schienen, das Bewusstsein für dieses Thema zu schärfen. In meinen Augen das wichtigste Instrument ist die flächendeckende Erhebung  der Familienanamnese. Denn auch wenn Betroffene irgendwann endlich einen Anspruch auf vorgezogenes Screening erhalten, heißt das ja nicht automatisch, dass mehr Betroffene als heute von ihrem Risiko wissen und von sich aus zur Untersuchung gehen. Sie müssen informiert und auf die Gefahr, die von Darmkrebs in der Familie für sie selbst ausgeht, aufmerksam gemacht werden. Da sind in erster Linie die Krankenkassen und die Ärzte gefragt. Die Kassen müssen sich Strategien überlegen, wie sie ihren Versicherten das Thema familiäres Krebsrisiko, das ja auch noch für andere Krebsarten relevant ist, nahe bringen.

Die Erhebung der Familienanamnese und die Aufklärung über das erhöhte Risiko für Angehörige muss in Kliniken und Praxen Pflicht werden. Wir haben bereits vor 10 Jahren zusammen mit Humangenetikern einen Fragebogen entwickelt, der die komplexen Amsterdam- und Bethesdakriterien auf wenige auch für Laien verständliche Fragen herunter bricht. Dieser abgespeckte Fragebogen ist inzwischen integraler Bestandteil zahlreicher  Flyer, wie sie vor allem von Unternehmen für die Durchführung von Mitarbeiteraktionen verwendet werden. Der Fragebogen wurde auf unsere Initiative hin in einer Studie validiert, die die Münchner Universität (LMU) in bayerischen Kliniken mit 800 Indexpatienten und ihren Familien  durchgeführt hat. Außerdem habe  ich mich im Rahmen des Nationalen Krebsplans sehr stark für dieses Thema eingesetzt. Zentrale Empfehlungen der Arbeitsgruppe zur Verbesserung der Darmkrebsfrüherkennung sind in das Krebsfrüherkennungsgesetz des Bundesgesundheitsministeriums von 2013 eingegangen. Neben der Einführung eines Einladungsverfahrens zur Darmkrebsfrüherkennung gehört dazu die Schaffung der gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Früherkennung bei familiär belasteten Menschen. In dem Gesetz heißt es, dass der Gemeinsame Bundesausschuss „für geeignete Gruppen von Versicherten eine abweichende Grenze für Alter und Häufigkeit der Untersuchung festlegen“ kann.  Es bleibt abzuwarten, auf welche Weise der Gemeinsame Bundesausschuss die Möglichkeit zur Einführung risikoangepasster Krebsvorsorge umsetzen und welche Konzepte und Vorschläge er für die verbesserte Früherkennung von Menschen mit familiärem Darmkrebsrisiko unterbreiten wird.

 

Das Interview wurde in der Sonderbeilage „Innovations in Oncology“ am 2.12.2015 in der ÄrzteZeitung veröffentlicht.

Wo steht die Krebsmedizin heute?

Mittwoch, 09. September 2015

Dr. Georg Ralle, Generalsekretär des Netzwerk gegen Darmkrebs im Interview mit Prof. Dr. med. Markus Kosch (Vice President Pfizer Oncology Commercial Portfolio Europe, Africa & Middle East )

 

 

 

Netzwerk gegen Darmkrebs: Herr Professor Kosch, Sie sind seit rund 20 Jahren in der Onkologie tätig, als Arzt und seit rund 10 Jahren in der forschenden Pharmaindustrie: Wo steht die Krebsmedizin heute?

Prof. Dr. Kosch: Wir befinden uns in einer Phase der Wissensexplosion. Angetrieben von einer kontinuierlichen Welle neuer Erkenntnisse in der Grundlagenwissenschaft, schreitet die Krebsforschung in nie dagewesenem Tempo voran. Unser Verständnis der Tumorbiologie wächst seit der Entdeckung „des“ Onkogens und der Entschlüsselung des menschlichen Genoms exponentiell weiter. Wir verstehen Krebserkrankungen immer besser und wir sind in der Lage, dieses Wissen in sehr kurzer Zeit in neuartige Therapien zu transferieren, die tiefer gehen als alle vorangegangenen Ansätze. Heute sehen wir Therapieansätze, die den Teilungsprozess von Tumorzellen bereits in der Entstehung behindern oder die eine Immunantwort des Organismus bewirken, um Krebszellen zu bekämpfen. Beide Ansätze eröffnen völlig neue Perspektiven in der Krebsmedizin.

NgD: Sie sprechen immunonkologische Therapien an, die aktuell die Diskussion bestimmen. Wie schätzen Sie die Situation und das Potenzial dieser Ansätze ein?

Kosch: Mit immunonkologischen Ansätzen sind große Hoffnungen auf bahnbrechende Fortschritte in der Onkologie verbunden. Und das zu Recht: Immuntherapien werden wesentliche Bausteine der Krebsmedizin der Zukunft sein. Bei einigen Krebserkrankungen sehen wir bereits jetzt Wirksamkeitsdaten, die wir vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten haben. Zugleich verbessern sich die Nebenwirkungsprofile der Substanzen kontinuierlich. In beiderlei Hinsicht, hinsichtlich Effektivität und Verträglichkeit, werden Immuntherapien künftig weiter für Furore sorgen. Für viele Patienten werden sie die Behandlungssituation selbst bei schwersten, metastasierten Erkrankungen deutlich verbessern. Davon bin ich überzeugt.

Die Perspektive ist: Eine völlig neue, nie dagewesene Qualität der Krebsmedizin. Entsprechend groß ist die Euphorie in diesem Gebiet. Die Anstrengungen, das therapeutische Potenzial von Immuntherapien in die klinische Praxis, zu den Ärzten und Patienten zu bringen, sind enorm. Auch bei Pfizer Oncology genießt die Immunonkologie höchste Priorität. Im Zentrum unseres Engagements steht die strategische Forschungsallianz mit Merck (Darmstadt), in der wir gemeinsam  die Entwicklung eines ursprünglich von Merck entdeckten und entwickelten humanen monoklonalen Antikörpers vorantreiben, der bei unterschiedlichen Krebserkrankungen zuletzt auf dem ASCO-Kongress wieder sehr viel versprechende Daten gezeigt hat.

NgD: Das klingt nach einem Siegeszug der Immunonkologie. Ist das der Ansatz, um Krebs endgültig zu besiegen?

Kosch: Das therapeutische Potenzial ist bahnbrechend, aber den Wunsch nach einer heilbringenden Therapiemethode, nach einer „Wunderpille“ gegen Krebs wird aller Voraussicht nach auch nicht die Immunonkologie erfüllen können. Dafür sind Krebserkrankungen und die Ereignisse, die Zellen zu Tumorzellen werden und weiter wachsen lassen, zu heterogen, zu komplex. Wahrscheinlicher ist, dass auch in Zukunft unterschiedliche Therapieprinzipien nebeneinander existieren und – je nach Passung – bei unterschiedlichen Krebserkrankungen zum Einsatz kommen werden.

Neben immunonkologischen Ansätzen werden hier vor allem zielgerichtete Therapien, die auf die spezifische Biologie und Genetik bestimmter Tumoren ausgerichtet sind, weiterhin eine Schlüsselrolle spielen. Mitte 2015 haben wir Daten zu einem neuartigen Wirkmechanismus aus unserem Haus gesehen, mit dem die Teilung von Tumorzellen bereits zu Beginn des Entstehungsprozesses behindert bzw. sogar verhindert werden kann. Dass dieser neuartige zielgerichtete Wirkansatz funktioniert, belegten dann eindrucksvoll die präsentierten Ergebnisse einer Phase-III-Studie, in der das Medikament bei einer metastasierten Krebserkrankung untersucht wurde. Hieran zeigt sich: Durchbrüche in der Krebsmedizin sind aktuell nicht nur in der Immunonkologie zu beobachten.

 

NgD: Eine Reihe von Ansätzen scheinen das Zeug zu haben, Krebs in den Griff zu bekommen. Ist das so? Erscheint Heilung möglich?

Kosch: Bei vielen Krebserkrankungen ist Heilung in frühen Stadien ja bereits jetzt möglich. Probleme bereiten nach wie vor fortgeschrittene Erkrankungen im metastasierten Stadium. Trotz aller Durchbrüche herrscht in dieser Situation bei fast allen Krebsarten ein enormer Bedarf an neuen, verbesserten Therapien – und großes menschliches Leid: Als Arzt das Leid von Krebspatienten mitzuerleben, ohne wirklich helfen zu können – das war eine der prägendsten Erfahrungen in meinem Berufsleben. Das vor Augen, können die aktuellen Entwicklungen in der Krebsmedizin gar nicht hoch genug bewertet werden: Tumorkontrolle, Chronifizierung und Heilung  erscheinen aus heutiger Perspektive bei vielen Krebserkrankungen auch im metastasierten Stadium als realistisches Zukunftsszenario. Heilung wird als realistische Zielsetzung zunehmend in die klinische Praxis auch bei fortgeschrittenen Erkrankungen einziehen.
Allerdings liegt es an uns – an allen, die an der Therapie und Versorgung von Krebspatienten beteiligt sind – dieses Forschungspotenzial in die klinische Praxis zu übertragen. Das ist eine historische Chance, die wir nutzen müssen.

NgD: Sehen Sie hier Probleme?

Kosch:Es gibt zwei große Handlungsfelder, die gleichberechtigte Aufmerksamkeit erfordern: Da ist zum einen der komplexe Bereich der Erforschung und Entwicklung bis zur Zulassung neuer Therapien. Zum anderen gilt es dann, direkt daran anschließend, die neuen Behandlungsoptionen zu den Patienten zu bringen. Diese zweite Etappe ist heute oftmals ebenso komplex wie der Forschungsprozess. Die Neuartigkeit des Fortschritts wird  die Praxis der Krebsversorgung mit neuartigen Herausforderungen konfrontieren. Unsere Gesundheitssysteme müssen sich auf den neuen Fortschritt in der Onkologie einstellen – auf das neue Tempo und auf die neue Qualität des Fortschritts. Beides erfordert fundamentales Umdenken, nicht nur in der klinischen Praxis, sondern in weiten Teilen unserer Gesundheitssysteme.

NgD: Was bedeutet das konkret? Was ist nötig, um die modernen Krebsmedizin in therapeutische Realität zu übertragen?

Kosch: Jedes Land hat sein eigenes Gesundheitssystem, spezifische wirtschaftliche Bedingungen, eigene Zulassungs- und Kostenerstattungsverfahren,  historisch gewachsene Versorgungsstrukturen sowie eigene diagnostische und medizinische Standards. Diese Heterogenität der Gesundheitssysteme geht Hand in Hand mit einer Heterogenität der Anforderungen an dieselben. Eine globale Erfolgsformel kann es deshalb nicht geben. Es gibt jedoch einige grundsätzliche Faktoren, die als Rückgrat einer zukunftsorientierten Krebsversorgung in modernen Industrienationen taugen: Flexibilität, Kooperationsbereitschaft und die konsequente Orientierung an dem Ziel einer bestmöglichen medizinischen Versorgung von Krebspatienten.

Konkret heißt das: Wir brauchen integrierte, vernetzte Versorgungsstrukturen, in denen neue Therapien ihr Potenzial voll entfalten können und schnell zum Patienten gelangen. Nehmen wir das Beispiel der personalisierten, stratifizierten Therapien, die auf das genetische Profil von Tumoren ausgerichtet sind. Hier gab es in den letzten Jahren große therapeutische Durchbrüche bei schwer zu behandelnden Tumorerkrankungen. Diese sind aber noch nicht bei allen Patienten angekommen, die davon profieren könnten. Der Grund: Die für den Einsatz der zielgerichteten Therapien erforderliche molekulargenetische Tumortestung ist in vielen Ländern bei einigen Krebserkrankungen noch nicht flächendeckend in die klinische Routine integriert. Diese Situation finden wir selbst in hoch entwickelten Gesundheits­systemen vor, wie z.B. in Deutschland. Um sicherzustellen, dass jeder Krebspatient die Chance erhält von personalisierten Ansätzen  zu profitieren, sind flächendeckende Therapienetzwerke erforderlich, in denen moderne Diagnostik routinemäßig erfolgt und Patienten auf ihrem individuellen Behandlungsweg gemäß des aktuellen Stands der Medizin begleitet werden.

NgD: Wie kann das in einem komplexen Gesundheitssystem wie Deutschland funktionieren?

Kosch: Moderne Gesundheitssysteme wie das deutsche sind durch ein hohes Maß an Komplexität, Regulierung, Spezialisierung und Ausdifferenzierung charakterisiert. Unverzichtbar ist deshalb Flexibilität und interdisziplinäre Kooperation: Mit statischen Rollenmustern werden wir den Anforderungen moderner Krebsmedizin nicht gerecht, weder jetzt und erst recht nicht in Zukunft. Onkologen, Pathologen, Krankenhausverwaltungen, Pflegepersonal, Krankenkassen, gesundheits- und forschungspolitische Organe, Industrie, universitäre Forschung und Patientenorganisationen: alle Beteiligten sind gefragt, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und konstruktiv zusammenzuarbeiten. Hürden ebenso wie Chancen erkennen und anerkennen und dann die richtigen Allianzen schmieden, um partnerschaftlich an Lösungen zu arbeiten – das ist der Weg, um langfristig eine Gesundheitsversorgung zu sichern, in der Krebspatienten schnell und umfassend am neuen Fortschritt in der Krebsmedizin teilhaben.

Bei Pfizer Oncology haben wir das verstanden. Wir ziehen uns schon lange nicht mehr auf die Rolle des bloßen Lieferanten von Medikamenten zurück. Wir beteiligen uns am Dialog und setzen bereits seit Jahren auf Vernetzung und neue Formen der partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Nur so können die rasanten und tiefgehenden Fortschritte in der Krebsmedizin zum Patienten gelangen und in realen Patientennutzen transferiert werden. Und – bei allen Forschungserfolgen –, das ist es worum es letztlich geht.

NgD: Herr Prof. Kosch, vielen Dank für das Interview. Können Sie abschließend noch etwas dazu sagen, warum Pfizer das Netzwerk gegen Darmkrebs als korporatives Mitglied aktiv unterstützt?

Kosch: Vernetzt, interdisziplinär, patientenorientiert und die Wissenschaft im Blick – damit hat das Netzwerk gegen Darmkrebs in den letzten zehn Jahren in Deutschland viel erreicht: Das lebensrettende Potenzial der Darmkrebsvorsorge ist in der öffentlichen Wahrnehmung fest verankert ebenso wie die Verbreitung von Vorsorgekoloskopien in der klinischen Praxis. Dazu hat der Verein wesentlich beigetragen.

Natürlich gibt es auch bei Darmkrebs weiterhin Optimierungsbedarf. Sei es die Weiterentwicklung von Früherkennungsmethoden, mehr Bewusstsein für erhöhtes familiäres Erkrankungsrisiko oder die Übertragung neuer Erkenntnisse aus der Forschung in die klinische Praxis: die Notwendigkeit, genau hinzuschauen, Chancen für Verbesserungen zu erkennen und zu realisieren, besteht immer. Das ist unverzichtbar, um medizinischen Fortschritt durchzusetzen. Umso wertvoller ist es für die Krebsmedizin und für die Menschen in Deutschland, dass es mit dem Netzwerk gegen Darmkrebs eine bedeutsame Stimme gibt, die sich dafür einsetzt und die gehört wird.

Das Netzwerk gegen Darmkrebs steht beispielhaft für das Potenzial und die Wirkkraft partnerschaftlichen Handelns in der Krebsmedizin. Damit weist der Verein den Weg in eine am medizinischen Bedarf und Fortschritt orientierte Zukunft der Onkologie – einen Weg, den Pfizer Oncology auch geht und gerne unterstützt.

Herr Professor Kosch, vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person:

Professor Dr. med. Markus Kosch verantwortet als Regional Vice President das Portfolio-Management von Pfizer Oncology in Europa, Afrika und im Mittleren Osten.

Markus Kosch verfügt über langjährige Erfahrung als Arzt für Innere Medizin und als international tätiger Manager in der forschenden Pharmaindustrie. Seit 2006 ist er zudem außerplanmäßiger Professor für Innere Medizin an der Medizinischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Markus Kosch ist verheiratet und Vater zweier Töchter.

 

Deutschlands Magen-Darm-Ärzte setzen sich konsequent für Vorsorge und Früherkennung bei Darmkrebs ein

Donnerstag, 06. August 2015

Ein Interview mit dem Bundesvorsitzenden des Berufsverband der Gastroenterologen, Franz Josef Heil zur Qualitätssicherung in der Praxis und dem Benefit einer flächendeckenden Versorgung mit Fachärzten in Deutschland

Netzwerk gegen Darmkrebs: Der bng feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Wenn Sie einen Blick zurück werfen auf die Intention und den mit der Gründung verbundenen Zielen des Verbandes, wie weit sind Sie auf dem Weg gekommen den Sie sich vorgenommen hatten?

Dr. Franz Josef Heil: Der bng hat als eine Arbeitsgemeinschaft angefangen, als es erst sehr wenige niedergelassene Magen-Darm-Ärzte gab. Es galt, vor allem als eigene Fachgruppe zusammenzufinden und wahrgenommen zu werden. Aber man musste sich auch gegenüber den Krankenhäusern und anderen Facharztgruppen behaupten. Das ist mit viel Engagement der Pioniere des Verbandes gelungen. Heute ist der bng ein wichtiger Berufsverband, der sich auf allen Ebenen etabliert hat und gehört wird.

NgD: Im BNG sind fast 90 % aller niedergelassenen Gastroenterologen organisiert. Was trägt Ihrer Meinung nach maßgeblich zu der offensichtlich hohen Attraktivität des Verbandes bei? Weshalb werden die Gastroenterologen Mitglied?

Heil: Ich finde es richtig und wichtig, dass Vorstand und Beirat rein ehrenamtlich tätig sind. Wir arbeiten alle mit vollem Einsatz in unseren Praxen und kennen die Probleme aus der täglichen Arbeit. Unsere Mitglieder spüren, dass wir wirklich wissen, wo der Schuh drückt, was sie interessiert. Es ist ganz wichtig, dass wir nie den Kontakt zu unseren Mitgliedern verloren haben. Wir versuchen, eine große „bng-Familie“ zu bleiben, und so fühlen sich auch alle, wenn wir auf unseren Tagungen und Regionalversammlungen zusammenkommen. Außerdem bieten wir unseren Mitgliedern vieles, was sie jeden Tag brauchen: Gemeinsamer Einkauf zu besonders günstigen Preisen, Fortbildungen auf hohem Niveau, Beratung zu Hygiene, wirtschaftlichen und juristischen Fragen. Vor allem aber vertrauen unsere Mitglieder darauf, dass wir im Dschungel der Berufspolitik engagiert und mit Kompetenz ihre Interessen vertreten.

NgD: Neben Ihrem Verband gibt es die traditionsreiche, wissenschaftliche Gesellschaft DGVS, die sich intensiv um das Thema „From Bench to Bedsite“ kümmert. Wie ist Ihre Zusammenarbeit mit der DGVS geregelt, gibt es gemeinsame Projekte und Initiativen?

Heil: Wir sind ein Berufsverband, die DGVS eine wissenschaftliche Gesellschaft. Auch wenn es in den ersten Jahren nicht immer reibungslos lief, so haben wir inzwischen eine hervorragende und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Unsere Mitglieder sind in der Regel auch Mitglieder in der DGVS. bng und DGVS haben dieselbe Mitgliederzeitschrift. Die DGVS weiß, dass wir große Kompetenz auf dem Gebiet der Berufspolitik haben, wir sehen und brauchen die hohe wissenschaftliche Kompetenz der Fachgesellschaft. Wir kooperieren bei der Erstellung von Leitlinien, wo inzwischen über den bng immer auch niedergelassene Ärzte und Ärzte mitarbeiten. Ein zweites Beispiel ist unsere gemeinsame Mitarbeit beim Nationalen Krebsplan.

NgD: Ein Blick auf einige europäische Nachbarländer zeigt, wie viele der Aufgaben, die in Deutschland von niedergelassenen Gastroenterologen wahrgenommen werden, zum Aufgabenbereich der dortigen Kliniken und Polikliniken gehören. Wie lässt sich aus Ihrer Sicht diese unterschiedliche Situation erklären und sehen Sie Vorteile für den Patienten in unserer Struktur?

Heil: Tatsächlich gibt es nirgendwo das deutsche System von selbständigen Facharztpraxen, vor allem auch von hochspezialisierten Fachärzten. Das hat in Deutschland eine lange Tradition. Bereits 1886 hat Ismar Boas, einer der Pioniere der Gastroenterologie, eine „Spezialpraxis für Magen- und Verdauungskrankheiten“ eröffnet. Für die Patienten hat die flächendeckende Versorgung in unseren Facharztpraxen sehr große Vorteile. Die Wartezeiten z.B. auf eine Magen- oder Darmspiegelung sind im internationalen Vergleich sehr kurz, jeder Patient kann ohne Hürden einen Facharzt aufsuchen, wird immer vom Chef oder der Chefin persönlich behandelt, und die Preise, den diese Facharztbehandlungen kosten, sind mit die niedrigsten in Europa. Das alles ist nur in der Praxis mit ihrer schlanken Organisation, ihrer hohen Spezialisierung und mit hohem Engagement der Praxisinhaber zu schaffen. In vielen Ländern führt das Klinik-/Polikliniksystem zu einer für uns nicht akzeptablen Rationierung von Facharztbehandlungen. Das gibt es bei uns zum Glück nicht. Die bei uns übliche Trennung von ambulanter und stationärer Behandlung erfordert allerdings auch eine gute Vernetzung. Damit tut sich unser Gesundheitssystem noch etwas schwer. Der bng sieht in der reibungslosen Zusammenarbeit von Praxen und Kliniken eine der großen Herausforderung der nächsten Jahre. Die Gründung von Darmzentren und die sogenannte ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) hat genau diese Zusammenarbeit als Zielsetzung. Ich erwarte, dass sich hier noch viel verändern wird. In Zukunft werden vielleicht viele Ärzte sowohl in der Praxis wie auch im Krankenhaus arbeiten und damit die Vernetzung komplettieren.

NgD: Der bng ist satzungsgemäß die berufspolitische Vertretung des niedergelassenen Gastroenterologen gegenüber allen anderen „Playern“ im Gesundheitsbereich. Wie schaffen Sie es, eine der wichtigsten Aufgaben, die kontinuierliche Fort- und Weiterbildung Ihrer Kollegen, so zu organisieren, dass der einzelne Arzt seiner Arbeit stets auf der Basis des aktuellen medizinischen Fachwissens nachkommen kann?

Heil: Zum Glück ist das Angebot an guter Fortbildung heute sehr groß, so dass wir als bng das nicht alleine leisten müssen. Unsere bng-Fortbildungen sind aber von vielen Kollegen sehr geschätzte Veranstaltungen. Sie zeichnen sich durch ein hohes Niveau, Unabhängigkeit und die besondere Ausrichtung für die Arbeit in der Praxis aus. Deshalb sind solche Tagungen und Meetings ein wichtiger Schwerpunkt des Vorstands und unserer Fachgruppen. Zur Organisation haben wir die bng-Service GmbH, denn hier braucht man ein professionelles Team.

NgD: Ist zur kontinuierlichen Fort- und Weiterbildung nicht auch der intensive, interdisziplinäre Austausch mit Kollegen aus den benachbarten Fachgebieten, wie z. B. den niedergelassenen Onkologen außerordentlich wichtig? Müssen Mediziner nicht insgesamt interdisziplinärer arbeiten?

Heil: Der bng arbeitet berufspolitisch mit dem Berufsverband der niedergelassenen Hämato-Onkologen, dem BNHO, sehr eng und freundschaftlich zusammen. Die fachliche Zusammenarbeit wird vor allem vor Ort in den Darm- bzw. Darmkrebszentren geleistet. Hier treffen sich regelmäßig die Kollegen der verschiedenen Fachrichtungen – Gastroenterologen, Chirurgen, Onkologen, Radiologen, Strahlentherapeuten, Pathologen. Hier hat man ein Forum, wo gemeinsame Patienten vorgestellt und über die beste Therapie diskutiert wird. Etwa 75 % unserer Mitglieder arbeiten bereits in solchen Netzwerken mit.

NgD: Die alte Volkswahrheit, dass die beste Krankheit diejenige ist, die man gar nicht erst bekommt, impliziert, dass gerade auch die Gastronenterolgen aufgerufen sind, sich kontinuierlich für Prävention und Früherkennung, speziell von onkologischen Erkrankungen wie Darmkrebs einzusetzen. Welche Schwerpunktaktivitäten haben Sie zu diesem Thema entwickelt?

Heil: Die Darmkrebsvorsorge ist tatsächlich ein ganz wichtiger Schwerpunkt der Arbeit des niedergelassenen Magen-Darm-Arztes. Der bng hat deshalb schon vor vielen Jahren die Vorsorgedarmspiegelung in den Praxen gefördert. 2008 haben wir die Kampagne “ich geh da hin” gestartet. Inzwischen haben wir auf dem Gebiet der Darmkrebsvorsorge die Zusammenarbeit mit anderen Gruppen, wie z.B. dem Netzwerk gegen Darmkrebs und der Felix-Burda-Stiftung intensiviert, um so oft wie möglich gemeinsame Wege zu gehen. So sind wir auch seit Jahren beteiligt an der Finanzierung der begehbaren Darmkrebsmodelle, die bei der Felix-Burda-Stiftung ausgeliehen werden können.

NgD: Mit dem Krebsfrüherkennungs- und Registergesetz (KFRG) ist ein außerordentliche wichtiger Schritt zur Verbesserung der Versorgung in Deutschland gemacht worden, bei dem allerdings nach Meinung vieler Experten, das Thema familiäres Risiko noch nicht zufriedenstellend gelöst ist. Gibt es in Ihrem Verband Ideen und Ansätze, wie man dieses Problem zum Wohle der Patienten besser in den Griff bekommen könnte?

Heil: Das KFRG ist ein wichtiger Schritt nach vorne, auch wenn die Umsetzung etwas schleppend verläuft. Es ist gut, dass das Problem „familiärer Darmkrebs“ im den Nationalen Krebsplan aufgenommen wurde. Neben Information der Bevölkerung läuft ein ganz wichtiger Weg, familiäre Darmkrebsvorsorge zu betreiben, über die an Darmkrebs erkrankten Menschen. Diese Menschen sind unsere Patienten. Wir sehen sie bei der Erstdiagnose, aber auch im Rahmen der Nachsorge. Bei diesen Gelegenheiten müssen wir die Patienten und ihre Familien noch konsequenter und besser ansprechen. Jeder, der selbst an Darmkrebs erkrankt ist, wird dieses Schicksal seinen Angehörigen ersparen wollen. Wir sind im Moment dabei, diese Ansprache zu intensiveren und Informationsmaterial zur Weitergabe an die Patienten und ihre Familien zu erstellen.

NgD: Die Gastroenterologen sind darauf angewiesen, dass ihre Arbeit durch Innovationen der Medizintechnik weiter verbessert wird – von der Diagnostik bis hin zur Dokumentation. Sehen Sie hier neue Ansätze, die Ihre Arbeit verbessern und erleichtern könnten?

Heil: Magen-Darm-Ärzte haben einen engen Bezug zur Medizintechnik. Neue Techniken interessieren uns daher sehr, und natürlich wollen wir sie auch einsetzen. Der Einzug der hochauflösenden Endoskopietechnik mit HD-TV und virtueller Anfärbung in die Praxen der niedergelassenen Magen-Darm-Ärzte ist bereits weitgehend erfolgt. So interessant und wichtig der medizinisch-technische Fortschritt ist, so kostet er meistens Geld. Viele neue diagnostische und therapeutische Techniken scheitern derzeit an den Kosten. Die Einführung von neuen Verfahren in den Katalog der ambulant erbringbaren Leistungen ist ein fast aussichtsloses Verfahren, weil niemand das Geld dafür aufbringen will. So bleibt – und damit sind wir absolut unzufrieden – oft nur der stationäre Bereich für den Fortschritt offen, was natürlich noch teurer ist. Trotzdem ist das für uns noch ein Grund mehr, Kooperationen mit den Klinken zu suchen.

NgD: Abschließend noch eine Frage zur Umbenennung Ihres Verbandes in „Magen-Darm-Ärzte“: Was waren die Beweggründe für diese Umbenennung und gibt es bereits erste Erfahrungen mit dem Auftritt?

Heil: Wir haben unseren Berufsverband nicht umbenannt und werden es auch nicht tun. Der bng bleibt der bng. Wir haben aber festgestellt, dass unsere Patienten bzw. die Bevölkerung mit der Facharztbezeichnung “Gastroenterologe” nichts anfangen können. Das war für uns Beweggrund, den schon über 100 Jahre alten Begriff “Magen-Darm-Ärzte” wieder mit neuem Leben zu füllen. Den Begriff versteht jeder. Wir machen deshalb inzwischen alle unsere Informationen und Auftritte in der Öffentlichkeit unter diesem neuen Label. Unser neues Webportal MAGEN-DARM-AERZTE.de ist seit März 2015 online und wird inzwischen schon sehr gut und mit steigender Tendenz als Informationsquelle zu Fragen rund um unser Fachgebiet angenommen.

 

Herr Dr. Heil, wir danken für das Gespräch.

Focus familiäres Risiko: durch die Entschlüsselung erblicher Faktoren zu effektiven Präventionskonzepten

Montag, 06. Juli 2015

Prof. Dr. Rita Schmutzler, Direktorin Zentrum Familiärer Brust- und Eierstockkrebs
am Universitätsklinikum Köln im Interview mit Herrn Dr. Georg Ralle, Generalsekretär Netzwerk gegen Darmkrebs e.V.

 

 

 

Netzwerk gegen Darmkrebs: Auf dem diesjährigen Internistenkongress wurde viel über das Thema „Aufbruch in eine neue Ära der Medizin“ gesprochen und der Siegeszug der Molekularen Medizin beschworen. Sehen Sie diesen Paradigmenwechsel in der Medizin auch?

Prof. Rita Schmutzler: Ja, unbedingt. Durch die rasanten technischen Fortschritte der jüngsten Zeit sind umfassende, genomweite Analysen zu erschwinglichen Preisen möglich geworden, die bereits jetzt zu einer Fülle neuer, sehr interessanter Ergebnisse geführt haben. Wir wissen bereits jetzt, dass der Verlauf einer Tumorerkrankung stark vom molekularen Profil abhängig ist. Des Weiteren haben wir gelernt, dass Tumoren ein und des gleichen Organs einen sehr unterschiedlichen molekularen Fingerabdruck aufweisen und damit auch sehr unterschiedlich auf bestimmte Therapien ansprechen können. Auch erlauben molekulare Marker prinzipiell die Entwicklung zielgerichteter Therapien, in die wir die Hoffnung setzen, dass sie nebenwirkungsarmer und effektiver als die herkömmlichen Therapien sein könnten. Erste Beispiele gibt es bereits.

NgD: Werden die neuen Erkenntnisse der Molekularmedizin die Medizin, insbesondere die Onkologie, revolutionieren, oder haben wir es hierbei „nur“ mit einer evolutionären Entwicklung zu tun?

Schmutzler: Ich bin zuversichtlich, dass die neuen Erkenntnisse in der Molekulargenetik die medizinische Onkologie revolutionieren werden. Mit neuen, maßgeschneiderten Therapien  hoffen wir nicht nur auf größere Heilungschancen, sondern auch auf einen längerfristigen Verlauf der Erkrankung im fortgeschrittenen Stadium. Zielgerichtete Therapien könnten solche Tumoren langfristig unter Kontrolle halten. Eine wichtige Herangehensweise ist hierbei, bei fortschreitenden Tumorerkrankungen erneute Untersuchungen zu möglichen molekularen Veränderungen durchzuführen und die zielgerichtete Therapie diesen genetischen Veränderungen wiederum anzupassen. Denn das besondere an bösartigen Tumoren ist ja, dass sie unter Therapie ihre molekulare Signatur verändern und somit Resistenzen entwickeln aber auf der anderen Seite auch wieder Angriffsfläche für andere Medikamente bieten können.

NgD: Beim letzten Krebskongress forderte Michael Hallek, das künftig die drei großen „I“ im Mittelpunkt des Handelns stehen müssen: mehr Innovation, mehr Interdisziplinäre Kooperation und mehr Intelligente Konzepte in der Onkologie. Wie weit sind wir auf diesem Weg voran gekommen?

 

Schmutzler: Das sind die großen Herausforderungen für die Zukunft, wenn wir die Chancen, die die molekulare Medizin bietet, nutzen wollen. Mehr denn je ist hierbei eine sektorenübergreifende Zusammenarbeit, bei der der Patientennutzen fest im Blick sein muss, erforderlich. Ich bin auch zuversichtlich, dass wir unter dieser Prämisse eine konzertierte Aktion von Leistungserbringern und Leistungsfinanzierern auf die Beine stellen können. Aber leider sind die Anreizmechanismen im Gesundheitswesen trotz intensiver Bemühungen in den letzten Jahren noch immer nicht ausreichend auf eine solche sektorenübergreifende und interdisziplinäre Zusammenarbeit ausgerichtet. Klassischerweise haben sich spezifische Fachbereiche um spezifische Tumorentitäten gekümmert. Wenn nun das molekulare Profil im Vordergrund steht, müssen nicht nur die Sektoren, sondern darüber hinaus auch die transdisziplinären Hindernisse überwunden werden. Eine wichtige Rolle könnte aus meiner Sicht hier neben den Normengebern und Fachgesellschaften der Deutsche Krebsgesellschaft und der Deutsche Krebshilfe zukommen.

 

NgD: Wenn man einen Blick auf die Ausbildung der jungen Mediziner wirft, ist bisher noch nicht zu erkennen, dass molekulares Grundwissen zum Kanon der Ausbildung gehört – genauso, wie es führende Vertreter der Ärzteschaft gibt, die mehr Empathie von Medizinern fordern, da Arzt kein normaler Beruf, sondern eher eine Berufung sei. Überfordern wir hier den Nachwuchs, oder müssen wir die Anforderungen(auch im Sinne unserer Patienten) künftig so hoch setzen?

Schmutzler: Es ist mittlerweile herrschende Meinung, dass die genetischen Kenntnisse der behandelnden Ärzte auf Grund des enormen Wissenszuwachses der letzten Jahre dringend verbessert und auf den aktuellen Stand der Möglichkeiten gebracht werden müssen. Insbesondere die Gendiagnostikkommission hat dieses Thema im Rahmen der Richtlinienerstellung zum Gendiagnostikgesetz aufgegriffen und fordert die Aufnahme entsprechender Lerninhalte in die Ausbildungsmodule. Da ein Erfolg dieser Maßnahmen naturgemäß einige Jahre auf sich warten lassen wird, benötigen wir für die Zwischenzeit entsprechende Weiter- und Fortbildungsmodule. Daher sind auch die Ärztekammern auf diesem Gebiet aktiv geworden und bieten Wissensprüfungen als Voraussetzung für die Durchführung von Beratungen zur prädiktiven genetischen Untersuchung an. Man würde sich aber in den einzelnen Fachbereichen weitere Fortbildungen mit Fokus auf der klinischen Interpretation genetischer Befunde wünschen.

Des Weiteren kommt in der präventiven Medizin der Risikokommunikation und -perzeption eine herausragende Rolle zu, d.h. neben den genetischen Kenntnissen müssen sich die Kolleginnen und Kollegen auch mit einer probaten Gesprächsführung im Sinne einer nicht direktiven Beratung auseinandersetzen. Nicht direktiv bedeutet jedoch nicht, die Ratsuchenden in ihrem Entscheidungsprozess für oder gegen eine genetische Untersuchung bzw. für oder gegen präventive Maßnahmen alleine zu lassen, sondern ihnen vielmehr im Sinne einer partizipativen Entscheidungsfindung Hilfestellung zu geben. Dies erfordert mehr denn je die Wahrnehmung des Patienten oder der Patientin als Gesprächspartner auf Augenhöhe, auch wenn der/die Arzt/Ärztin naturgemäß einen Vorsprung im Sachkenntnisstand hat. Diesen gilt es verständlich zu kommunizieren. Insbesondere in Risikosituationen ist die sprechende Medizin besonders wichtig.

NgD: Bei verschiedenen malignen Erkrankungen spielt das Thema familiäres Risiko eine entscheidende Rolle. Reichen die bisherigen Anstrengungen aus, um unnötige Erkrankungen zu vermeiden? Müsste es nicht eine bundesweite „Initiative familiäres Risiko“ geben, die in jeder Weise nachhaltig gefördert wird?

Schmutzler: Wir gehen davon aus, dass rund 20 bis sogar 30 % der häufigen Tumorerkrankungen, i.e. Brust-, Colon- und Prostatakarzinome auf genetische Faktoren zurückzuführen sind bzw. dass genetische Faktoren zumindest mit beteiligt sind. Lediglich für 5 bis max. 10 % kennen wir mittlerweile die genetischen Ursachen. Es ist zu erwarten, dass in den nächsten Jahren eine Fülle weiterer Risikogene identifiziert wird. Es wäre aber falsch und sogar gefährlich, solche Risikofaktoren umgehend in die klinische Prävention einzuführen. Denn neben der Kenntnis um ein erhöhtes Risiko ist es notwendig im Vorfeld herauszufinden, wie der natürliche Krankheitsverlauf aussieht und ob es überhaupt effektive präventive Maßnahmen gibt, die sowohl die Lebenserwartung der betreffenden Personen verbessern als auch eine akzeptable Lebensqualität garantieren.

Da wir wissenschaftlicherseits davon ausgehen, dass es noch viele aber selten veränderte genetische Faktoren gibt, können wir diese Informationen nur gewinnen, in dem wir die betreffenden Personen erfassen und im Rahmen von begleitenden Versorgungsstudien mögliche präventive Optionen anbieten und auf Ihre Effektivität prüfen. Dies lässt sich nur mit zentralisierten Strukturen umsetzen, denn ansonsten sieht jeder Arzt gerade mal einen Fall in seinem ganzen Leben, der es ihm nicht erlaubt, Rückschlüsse auf die beste Prävention oder Therapie zu ziehen.

Eine bundesweite Initiative „Familiäres Risiko“ ist hierbei eine durchaus charmante Überlegung. Auf jeden Fall braucht es hierzu Strukturen sowie auch den Aufbau von Registern zu familiären Tumorerkrankungen. Beispiele gibt es ja bereits mit den Konsortien für erblichen Brust- und erblichen Darmkrebs. Nur in einem solchen Setting können wir die erblichen Faktoren weiter entschlüsseln und insbesondere klinisch effektive Präventionskonzepte erproben und umsetzen.

 NgD: Wenn die Medizin in der Lage ist, bei Krebserkrankungen multiple genetische und epigenetische Veränderungen festzustellen und in der Folge auch familiäre Dispositionen zu benennen, ergibt sich daraus nicht auch eine medizinisch-ethische Verpflichtung zum Handeln?

Schmutzler: Es gibt bereits einen breiten Konsens, dass im Falle einer Hochrisikosituation gesunde Risikopersonen ein Recht auf effektive, präventive Maßnahmen haben sollen. Allerdings ist ein solches Recht bisher nicht im SGB V verankert, da dieses die kurative Medizin und damit die bereits Erkrankten im Fokus hat. Derzeit finden hier intensive Diskussionen statt, wie wir mit dieser Situation zukünftig umgehen wollen, und zwar nicht nur aus ethischer sondern auch aus rechtlicher und gesundheitsökonomischer Sicht. So wird unsere Arbeitsgruppe z.B. im Rahmen zweier Verbundprojekte, gefördert durch das BMG und das BMBF, darin unterstützt, eine ethisch rechtliche Basis zu schaffen. Dies geht natürlich nur in enger Kooperation von Medizinern, Ethikern, Juristen wie auch Gesundheitsökonomen. Eine besondere Herausforderung stellt hierbei die Tatsache dar, dass wir es zukünftig nicht nur mit niedrigem und hohem Erkrankungsrisiko zu tun haben, sondern dass die neuen genetischen Risikofaktoren es mit aller Wahrscheinlichkeit erlauben werden, ein Risikokontinuum zu definieren. Hier stellt sich dann die Frage, ob und wie Schwellenwerte definiert werden können, bei denen präventive Maßnahmen von der Solidargemeinschaft unterstützt werden sollen. Dabei gilt es auch, dass Recht der Ratsuchenden auf eine individuelle Entscheidungsfindung zu berücksichtigen.

NgD: Welches Fazit können wir daher zur Molekularen Medizin ziehen?

Schmutzler: Zusammenfassend eröffnet die molekulare Medizin große Chancen sowohl für die zielgerichtete Therapie als auch die Prävention. Diese gilt es in effiziente Strukturen einzubetten, um der Gefahr zuvorzukommen, auf der Basis genetischer Risikofaktoren einen Aktionismus klinischerseits loszutreten, der mehr schadet als nutzt. Aus der therapeutischen Situation heraus sind wir es seit langem gewohnt, Evidenz im Rahmen von prospektiven Studien zu fordern. Für die präventive Situation bei Risikopersonen muss dies genauso stattfinden. Hierzu müssen die geeigneten Strukturen, Studien und Register zu einem großen Teil noch aufgebaut werden.

 

Frau Professor Schmutzler, vielen Dank für das Gespräch.

„Aktionen zur betrieblichen Darmkrebsvorsorge kann wirklich jedes Unternehmen durchführen!“

Dienstag, 10. Februar 2015

Das Netzwerk gegen Darmkrebs e.V., die Stiftung LebensBlicke und die Felix Burda Stiftung rühren derzeit mit einem neu aufgelegten Handlungsleitfaden verstärkt die Werbetrommel für die betriebliche Darmkrebsvorsorge. Dr. Stefan Webendörfer, Vice President Diagnostics – Health Promotion – Communication in der Abteilung Occupational Medicine & Health Protection der BASF SE in Ludwigshafen, erläutert den Nutzen derartiger Maßnahmen.

Herr Dr. Webendörfer, wieso sollte die Darmkrebsvorsorge auch Sache von Unternehmen sein?

Webendörfer: Das betriebliche Umfeld ist generell ein idealer Ort für die Umsetzung von Präventivmaßnahmen. Wir treffen dort Menschen zwischen 16 und 66 Jahren an, die – zumindest wenn sie keine gesundheitlichen Beschwerden haben – meist nicht regelmäßig ärztlich betreut werden. Die Jüngeren haben ihre Jugendschutzuntersuchungen hinter sich, die Älteren wissen über die ihnen zustehenden Vorsorgemaßnahmen oft nicht ausreichend Bescheid oder können sich nicht zur Teilnahme entschließen. Bei den oft gesetzlich vorgeschriebenen betriebsärztlichen Untersuchungen besteht daher die  Möglichkeit, über Vorsorge und Krebsfrüherkennung zu informieren. Die Darmkrebsfrüherkennung mit einem Stuhlbluttest und ein paar Fragen zum Risikoprofil lässt sich gut mit anderen Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements kombinieren. Besonders positiv haben die Kollegen reagiert, als wir sie mit einem Anschreiben persönlich zur Darmkrebsfrüherkennung eingeladen haben.

Warum steht dabei der Darmkrebs im Fokus?

Bei dieser Erkrankung ist der Nutzen der Früherkennung gut dokumentiert und, anders als etwa beim Brustkrebs, existiert ein populationsbasiertes Screening bislang nicht.

 

Sie haben die betriebliche Darmkrebsvorsorge bei BASF von Anfang an verantwortlich gestaltet. Was ist Ihr Fazit nach nunmehr 13 Jahren?

Wir haben bei einer überwiegend männlichen Belegschaft und entgegen den Vorhersagen jedes Jahr konstant hohe Teilnahmeraten von mehr als
30 Prozent in unserer Zielgruppe von Mitarbeitern ab dem 46. Lebensjahr erzielt. Jedes Jahr finden wir mit diesem Angebot subjektiv beschwerdefreie Menschen, bei denen im Rahmen einer Empfehlung zur Koloskopie beim externen Fachkollegen Krebsvorstufen oder sogar Darmkrebserkrankungen im Frühstadium entdeckt worden sind. Der jüngste Mitarbeiter, bei dem das der Fall war, war 46 Jahre alt. Er konnte erfolgreich behandelt werden und ist immer noch bei uns tätig. Zu guter Letzt haben wir festgestellt, dass die betriebliche Darmkrebsvorsorge, wenn sie in unsere Routineprozesse eingebettet ist,  einfach durchzuführen, kostengünstig und menschlich wie wirtschaftlich lohnend ist. Das hat uns überzeugt und dazu bewogen, unser Angebot auch dauerhaft aufrecht zu erhalten.

 

Mit einem eigenen betriebsärztlichen Dienst und einer Mitarbeiterzahl von 35.000 bei der BASF SE in Ludwigshafen sind Darmkrebsvorsorgeaktionen vermutlich leichter durchzuführen als in einem kleineren Unternehmen, das nicht über vergleichbare Ressourcen verfügt.

Es gibt keine betriebsseitigen Gründe, die gegen eine betriebliche Darmkrebsvorsorge sprechen. Wenn das Management dahinter steht, können auch kleine und mittelständische Unternehmen solche Aktionen durchführen. Es ist dann sicher hilfreich, externe Unterstützung einzuholen, etwa durch einen externen Betriebsarzt oder eine Krankenversicherung.

 

Was unterscheidet die betriebliche Darmkrebsvorsorge in Großunternehmen von der in kleinen und mittelständischen Unternehmen?

Wir können bei uns die Prozessschritte, wie die Testabgabe über unsere Ambulanzen und die Auswertung gut organisieren und so die Vorsorge dauerhaft anbieten. In kleineren Unternehmen geht so etwas häufig nur zeitlich begrenzt als sogenannte Gesundheitsaktion. Bei BASF ist die ärztliche Abteilung für alle eindeutig medizinischen Anteile des Gesundheitsmanagements zuständig und übernimmt die Verantwortung.  In kleineren Betrieben übernehmen meist fachfremde Mitarbeiter die Organisation von Gesundheitsleistungen, die sie mit externen Anbietern koordinieren müssen. Da ist einfach die Hemmschwelle höher, Angebote zur betrieblichen Gesundheitsförderung zu machen.

 

Unter Ihrer Mitarbeit haben das Netzwerk gegen Darmkrebs, die Stiftung LebensBlicke und die Felix Burda Stiftung einen Leitfaden zur betrieblichen Darmkrebsvorsorge neu aufgelegt. Was hat sich gegenüber der bisherigen Ausgabe geändert?

Das Redaktionsteam hat die aktuelle Datenlage zur Darmkrebsfrüherkennung und den zur Verfügung stehenden Tests berücksichtigt. Außerdem haben wir versucht, die Informationen im Print Medium zu bündeln und für den Leser möglichst übersichtlich zu gestalten. Vertiefende Informationen und Begleitmaterial können per Link im Internet abgerufen werden.

 

Inwiefern kann die Broschüre Unternehmen bei ihren Vorsorgeaktionen unterstützen?

Der medizinische Laie kann sich ohne großen Zeitaufwand über die Hintergründe und den Nutzen der betrieblichen Darmkrebsfrüherkennung informieren. Ein übersichtliches Schema zeigt konkret, welche organisatorischen Schritte erfolgen müssen, um eine Vorsorgeaktion möglichst einfach und effektiv am Arbeitsplatz zu gestalten.

Wo können sich interessierte Unternehmen weitere Informationen und Unterstützung holen?

Ich rate immer, frühzeitig einen Betriebsarzt, einen betriebsärztlichen Dienst oder auch einen Gastroenterologen in die Planungen einzubinden. Denn die sind entsprechend qualifiziert und können sowohl im Vorfeld als auch im Verlauf der Aktion, wenn Fragen auftreten oder auffällige Befunde bei den Teilnehmern vorliegen, fachgerecht beraten und die richtigen Empfehlungen zum weiteren Vorgehen geben.

Herr Dr. Webendörfer, vielen Dank für das Gespräch.

Mehr Informationen unter:  http://www.unternehmen-gegen-darmkrebs.de

„Ich nehme den Krebs persönlich“

Dienstag, 03. Februar 2015

Prof. Dr. Christof von Kalle, Sprecher des NCT-Direktoriums in Heidelberg, im Interview mit Dr. Georg Ralle, Generalsekretär des Netzwerk gegen Darmkrebs e.V.

Netzwerk gegen Darmkrebs: Herr Professor von Kalle, wenn man über die Zukunft des NCT spricht, macht es Sinn, zunächst einen kurzen Blick zurück zu werfen. Aufgrund welcher Überlegungen und mit welchen Zielen wurde das NCT vor 10 Jahren gegründet?

 

© NCT

Professor von Kalle: Die Idee des NCT war vor zehn Jahren beinahe revolutionär: Erstmals sollte in Deutschland ein Krebszentrum nach amerikanischem Vorbild etabliert werden. Unser Ziel war es, eine stabile Brücke zwischen Krebsforschung und -therapie zu schlagen, die Qualität von beidem zu steigern und Forschungsergebnisse schneller in eine klinische Anwendung beim Patienten zu bringen.

Und der Erfolg gibt dem Streben und der Beharrlichkeit der Gründerväter recht: das NCT hat sich in seinen Anfangsjahren viel schneller als erwartet entwickelt. Bereits im Jahr 2005 konnten wir den 1.000sten Patienten und nur drei Jahre später den 10.000stn Patienten empfangen! Heute besuchen pro Jahr 12.000 neue Patienten das NCT. Ausgezeichnet bereits nach zwei Jahren als onkologisches Spitzenzentrum genießt das NCT heute national und international hohes Ansehen und Akzeptanz in der Fachwelt.

 

Wir kennen in der Medizin die Notwendigkeit der Einheit von Forschung und Lehre. Aber warum tun wir uns so schwer auch eine Einheit von Forschung und Patientenversorgung zu schaffen und im klinischen Alltag umzusetzen?

von Kalle: Ich glaube, hier hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Wir haben es beim Aufbau des NCT selbst erlebt. Als wir gestartet sind, gab es noch viele „Insellösungen“. Hier galt es, viel Überzeugungsarbeit zu leisten, zu motivieren und auch Bedenken zu beseitigen. So konnten neue vernetzende Wege begangen und vorhandene Verfahren und Strukturen verändert oder ersetzt werden.

Generell sind mittlerweile viele onkologische Häuser und Zentren vernetzter aufgestellt – auch dank der heutigen vernetzenden IT-Möglichkeiten. So wie die gesamte Welt enger zusammengerückt ist, geschieht dies auch zwischen Wissenschaft und Klinik. Comprehensive Cancer Center (CCC) wie das NCT, in dem beide Bereiche unter einem Dach angesiedelt sind, sind das beste Beispiel für die vernetzende Zusammenarbeit. Die Weitergabe der in einem CCC gewonnenen Erkenntnisse an Partnerhäuser und fachübergreifende neue Strukturen der Zusammenarbeit wie Tumorboards sorgen für eine bessere Informationsvermittlung in andere Krebszentren und einen neuen Qualitätsstandard in der Therapie.

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Sie sind seinerzeit begeistert gestartet und haben sehr viel erreicht. Wie schaffen Sie es, dieses hohe Engagement bei den Mitarbeitern beizubehalten? Ist es, wie Sie es einmal formuliert haben, dass die Mitarbeiter den Krebs „persönlich“ nehmen und alles für ihre Patienten geben?
von Kalle: Hier kommen sicherlich zwei Dinge zum Tragen. Zum einen nehme ich und ich glaube auch viele der NCT-Mitarbeiter den Krebs persönlich. Wir identifizieren uns stark damit. Denn wir begegnen der Thematik ja nicht nur in unserem Arbeitsumfeld sondern auch in unserem Bekannten-, Familien und Freundeskreis. Auch trägt die offene architektonische Atmosphäre unseres Hauses, die bewusst eine räumliche Nähe und Begegnung mit den Patienten fördert, zu dieser persönlichen Berührung bei. Für viele Mitarbeiter ist es zudem sehr bereichernd, dass wir in der privilegierten Lage sind, mit unserer Arbeit Gutes zu tun. Jeder trägt dazu bei Krebs zu erforschen, zu verstehen und zu bekämpfen.

 

Lassen Sie uns kurz über das Thema Prävention sprechen. Der „beste Krebs“ ist letztlich doch der, den man nicht bekommt – wie sehen Ihre Aktivitäten in Richtung Prävention aus, wo setzt das NCT Zeichen?
von Kalle: Prävention ist ein wichtiges Thema am NCT. Dazu hat das NCT eigens einen Lehrstuhl für Präventive Onkologie eingerichtet, der einzige in Deutschland. Wissenschaftler und Ärzte befassen sich intensiv mit der primären (= vor dem Auftreten), sekundären (=Früherkennung) und tertiären Prävention (= Verbesserung der Prognose nach der Diagnose) von Krebs, unter anderen im Rahmen von Studien genetischer Veranlagungen und entzündlichen Prozessen, sowie zu Übergewicht, Sport und Krebs. Zum Beispiel kann Bewegung und ein gesundes Körpergewicht der Krebsentstehung vorbeugen und in manchen Fällen das Risiko für einen Rückfall verringern. Ein interdisziplinäres Team erforscht intensiv, wie sich Gesundheit erhalten, Nebenwirkungen der Therapie verringern und Lebensqualität verbessern lassen.

Bei einigen Krebserkrankungen wie z.B. beim CRC spielt nachweislich das Thema familiäres Risiko eine außerordentlich wichtige Rolle. Gibt es Anregungen aus Ihrem Haus, wie Betroffene durch geeignete Maßnahmen frühzeitiger erkannt und diagnostiziert werden könnten?

von Kalle: Wird Darmkrebs in einem frühen Stadium erkannt, sind die Heilungsaussichten gut. Bei einer Darmspiegelung, der so genannten Koloskopie, sind Krebsvorstufen gut zu entdecken und können noch während der Untersuchung entfernt werden. Daher kann Darmkrebs weit besser als andere Krebsarten durch konsequente Vorsorge verhütet werden.
DACHS ist eine epidemiologische Fall-Kontroll-Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg (DKFZ) und steht für “Darmkrebs: Chancen der Verhütung durch Screening”.
Seit Januar 2003 werden für diese Studie Darmkrebspatienten und zufällig ausgewählte Vergleichspersonen ohne Darmkrebs aus den gleichen Städten und Landkreisen befragt, die den Darmkrebspatienten in Alter und Geschlecht entsprechen, um sie anschließend miteinander zu vergleichen. Mit der DACHS-Studie möchten wir einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, in Zukunft eine noch bessere Darmkrebsvorsorge und Darmkrebsprognose in Deutschland zu ermöglichen.
Ein Informationsblatt des Krebsinformationsdienstes des DKFZ stellt die verschiedenen Methoden zur Darmkrebs-Früherkennung vor und gibt Auskunft darüber, wie sicher sie Darmkrebs oder seine Vorstufen entdecken.

Generationen von Medizinern sind mit Walther Siegenthalers Standardwerk zur Differenzialdiagnose groß geworden. Wenn man jedoch die innovativen Methoden der Gensequenzierung betrachtet, mit deren Hilfe molekulare und klinische Informationen wie bei einem GPS zusammengeführt werden können, dann mutet dies wie ein Quantensprung in Richtung Diagnostik 3.0 an. Wie hat sich das NCT hier aufgestellt und welche Chancen ergeben sich daraus für eine maßgeschneiderte Therapie?

von Kalle: Mittlerweile weiß die Wissenschaft, dass jeder Tumor auf unterschiedlichen molekulargenetischen Veränderungen beruht. Gelänge es nun aber, diese genetischen „Fehler“ präzise zu diagnostizieren, könnten sich daraus individuelle Therapieempfehlungen ableiten lassen.

Die Umsetzung einer personalisierten Krebsmedizin verfolgt das NCT mittlerweile als zentrumweites Programm. Initiiert und etabliert wurden hierfür das NCT Personalisierte Onkologie Programm (NCT POP) sowie das Heidelberg Center for Personalized Oncology (DKFZ HIPO), eine Genomik-, Proteomik- und Systemmedizin-Plattform des DKFZ. Auch sind bereits eine molekulare Sprechstunde und ein molekulares Tumorboard am NCT eingerichtet worden sowie Studien für diesen bahnbrechenden Schritt gemeinsam mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum und dem Universitätsklinikum Heidelberg auf den Weg gebracht worden.

Schon im Laufe des nächsten Jahres soll allen NCT-Patienten eine Erbgutanalyse ihrer Krebszellen angeboten und darauf aufbauend eine individuelle Therapie empfohlen werden. Natürlich können Gensequenzierung und Datenanalyse ärztliche Entscheidungen nicht ersetzt. Vielmehr tragen molekulare Befunde und deren Interpretationen dazu bei, dass die behandelnden Ärzte eine informierte Entscheidung treffen können und ihren Patienten in naher Zukunft maßgeschneiderte Therapien anbieten können.

Ende des letzten Jahres erschien die Ärzte Zeitung mit der Headline „Licht im Dunkeln bei schwarzem Hautkrebs“ und berichtete über einen therapeutischen Durchbruch beim metastasierenden Melanom mit PD-1 Hemmern. Sehen Sie – auch mit Hilfe der innovativen diagnostischen Möglichkeiten – bei weiteren Tumorentitäten, beispielsweise beim CRC, einen therapeutischen Durchbruch in naher Zukunft?

von Kalle: Anti-PD1- und anti-PDL1-Antikörper sind Substanzen, die die Interaktion zwischen dem Programmed Death 1 Protein (PD1) und seinem Liganden PDL1 blockieren, durch die die T-Zell-vermittelte Immunantwort und Zytokinproduktion bei malignen Erkrankungen gehemmt wird. Ähnlich wie der anti-CTLA4-Antikörper Ipilimumab bewirkt diese neue Substanzklasse damit, dass eine suffiziente Immunantwort gegen den Tumor freigeschaltet werden kann. In Anbetracht der ermutigenden Studienresultate beim Malignen Melanom oder auch beim Nierenzellkarzinom und nichtkleinzelligen Bronchialkarzinom befinden sich mittlerweile etliche Substanzen bei weiteren Tumorentitäten wie dem kolorektalen Karzinom in verschiedenen Phasen klinischer Prüfungen. Inwieweit hier ähnlich gute Ergebnisse wie in der Behandlung des Malignen Melanoms erzielt werden können bleibt abzuwarten, zumal gerade diese Erkrankung bekanntermaßen ein vergleichsweise gutes Ansprechen auf immunologisch wirksame Therapien zeigt.

Damit stellt sich umso mehr die Frage nach Faktoren, die eine Auswahl von Patienten erlauben, die von dieser Substanzklasse profitieren können. Teilweise scheint die Infiltration des Tumors durch PD1-positive Lymphozyten sowie die immunhistochemische Messung der PDL1-Expression im Tumorgewebe mit dem Ansprechen zu korrelieren, allerdings existieren bislang keine einheitlichen und für diese Fragstellung validierten Tests. Beim kolorektalen Karzinom wurde vor allem bei mikrosatelliteninstabilen Tumoren eine hohe Expression von PDL1 nachgewiesen, sodass aktuelle Studien mit PDL1-Hemmern als Monotherapie oder in Kombination mit Ipilimumab vor allem diese Patientengruppe im Blick haben.

Aktuelle genomische Untersuchungen beim malignem Melanom und nichtkleinzelligen Lungenkarzinom zeigen aber auch den Einfluss genetischer Veränderungen. Insbesondere scheint eine hohe Anzahl genetischer Änderungen im Tumor mit einem guten Ansprechen auf eine Immuncheckpointblockade zu korrelieren, zum anderen ließen sich auch einzelne molekulare Veränderungen identifizieren, die zu neuen Eiweißstoffen als Ziel einer wirksamen Immunantwort geführt haben.

Zusammenfassend ist wohl davon auszugehen, dass auch beim kolorektalen Karzinom möglicherweise bestimmte Patientensubgruppen erheblich von einer Immuncheckpointblockade mit anti-PD(L)1 –Antikörpern profitieren können. Die Herausforderung wird zunächst darin liegen, diagnostische Tests zu etablieren, die es erlauben, solche Patienten zu finden.

 

Wenn man nach USA schaut, sieht man, mit welchen potenten Industriepartnern beispielsweise das MD Anderson Cancer Center erfolgreich zusammenarbeitet. Wie ist das NCT hier aufgestellt und welche Erfahrungen haben Sie in der konkreten Zusammenarbeit mit forschenden Firmen?

von Kalle: Der Schulterschluss zwischen Wissenschaft und Industriepartnern ist für eine optimale Krebsbehandlung unabdingbar. So haben das NCT, DKFZ und das Universitätsklinikum Heidelberg Kooperationsabkommen mit Roche und Bayer, oder auch mit SAP und MH abgeschlossen, mit dem Ziel bereits früh Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten aller beteiligten Partner in der Onkologie stärker zu verzahnen, um Innovationen schneller für Patienten nutzbar zu machen. Durch solche Kooperationen wird das NCT in seinem Ziel, neue Erkenntnisse aus der Forschung schnellstmöglich in innovative Diagnostik- und Therapieverfahren umzusetzen, nachhaltig unterstützt. Hierbei geht es zum einen darum, Entwicklungspartnerschaften aufzubauen, um neue Forschungserkenntnisse der Partner schnell in die Anwendung zu bringen. Zum anderen sollen innovative Substanzen, Diagnostika und Therapieprinzipien in Heidelberg evaluiert werden.

Die innovativen Diagnostik- und Therapiemethoden setzen die Erhebung von extrem vielen, personenbezogenen Daten voraus, um eine auf den einzelnen Patienten bezogene, maßgeschneiderte Therapie durchführen zu können.
Joachim Müller-Jung hat kürzlich in einem bemerkenswerten Beitrag in der FAZ die Frage gestellt, wie wir mit diesen sensiblen Daten umgehen und sicherstellen können, das die auch wirklich sicher sind und bleiben?

von Kalle: Die Menge an Informationen in der Krebstherapie wächst stetig und rasant an, etwa wegen der immer höher aufgelösten Daten aus modernen Untersuchungsmethoden wie der Kernspintomographie oder wegen des immer detaillierteren Wissens über Teilbereiche aus dem menschlichen Erbgut. Beispielweise entstehen bei der Sequenzierung eines Genoms Datenmengen von 2 TB, die einer Speicherkapazität von einer handelsüblichen Festplatte oder 16 iPhones entsprechen. Aktuell werden am NCT in diesem Jahr 1000 – 1500 Patienten sequenziert. Ein verantwortungsvoller Umgang mit der Datensicherheit hat hier oberste Priorität, aber auch ethische Fragestellungen müssen berücksichtigt werden: Das NCT hat insofern eigens ein maßgeschneidertes Sicherheits- und Pseudonymisierungskonzept entwickelt, das die ethischen Anforderungen zur Pseudonymisierung bzw. Anonymisierung der Daten gewährleistet. Wir veröffentlichen prinzipiell keine Rohdaten, die Rückschluss auf den Patienten zulassen und verwenden verschlüsselte, auf getrennten IT-Strukturen abgelegte Daten. Um unserer ethischen Verantwortung gerecht zu werden, arbeiten wir zudem seit drei Jahren am EURAT-Projekt des Marsilius-Kolleg mit, welches die ethischen und rechtlichen Aspekte der Genomsequenzierung beleuchtet und allgemeingültige Regeln erarbeitet.

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Herr Professor von Kalle, wenn Sie einen Blick nach vorne werfen, wo wird das NCT an seinem 20. Geburtstag stehen?

von Kalle: Eine spannende Frage. Einer der nächsten Meilensteine, über den wir sehr glücklich sind, wird der Ausbau des NCT sein, für den uns gerade die Landes- und Bundesregierung die notwendigen Gelder bewilligt haben. Unser Haus wird um ein Stockwerk für die Tagesklinik und die Klinische Forschung sowie drei Stockwerke für die Translationale Forschung erweitert werden. Zudem werden wir den Partnerstandort Dresden aufbauen.

Wichtig ist uns jedoch neben dem quantitativen Wachstum auch darauf zu achten, dass das NCT qualitativ wächst. Hierfür gilt es in Zukunft in einigen ausgewählten Gebieten der Krebsforschung und -medizin Profilbereiche zu schaffen wie bei Hirntumoren, Tumoren der Bauchspeicheldrüse, der Lunge und Knochenmarkserkrankungen sowie Verfahrensentwicklungen bei der Strahlenbehandlung.

Für diese Schwerpunktbereiche möchten wir das international führende Zentrum werden. Ergänzend liegt uns besonders der Bereich der personalisierten Medizin und der Immuntherapie am Herzen. Hier sind wir heute schon europaweit mit führend und wollen in fünf Jahren erste klare Studienergebnisse vorweisen können und weiterhin Treiber dieses Feldes sein.

Das rasante Wachstum des NCT der ersten zehn Jahre zugrunde gelegt, würde es in 10 Jahren ein in Heidelberg ausgebautes NCT geben, mit vielen Partnerstandorten deutschland- und europaweit, denen die Maßstäbe des NCT Heidelberg zugrunde lägen. Und idealerweise wären wir dem Wissen, was Krebs auslöst und wie wir ihn individuell behandeln können, ein gutes Stück nähergekommen. Dazu gehört auch dass wir am NCT weiterhin einer der Treiber auf dem Gebiet der Krebsprävention und Früherkennung sind. Das NCT wird dabei vor allem ein Zentrum sein, an das sich Menschen wenden können, wenn sie Sorgen haben.

Zwei Strategien: „Revolution in der Krebstherapie!“

Mittwoch, 17. Dezember 2014

 

 

 

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Professor Dr. Ugur Sahin, Mainz, erforscht und entwickelt Wirkstoffe, die das körpereigene Immunsystem gegen Tumoren mobilisieren. Er geht davon aus, dass sich damit selbst fortgeschrittene Erkrankungen einmal heilen lassen.

Herr Professor Sahin, wenn Sie die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte Revue passieren lassen, wo sehen Sie die größten Fortschritte in der Onkologie?

Sahin: Die Krebsmedizin hat in sehr vielen Bereichen Fortschritte gemacht. Wir haben heute ein gutes Verständnis von den molekularen und zellulären Mechanismen, die für die Krebsentstehung, das Tumorzellwachstum und die Metastasierung verantwortlich sind. Dies hilft uns, verträglichere Medikamente wie monoklonale Antikörper oder selektive Kinase-Inhibitoren, die gezielt Krebszellen attackieren, zu entwickeln. Weiter haben wir gelernt, dass Krebs in jedem Patienten andere Zelltypen und Mutationen aufweist. Mit Hilfe eines Krebs-Biomarker-Profils lassen sich Behandlungen zunehmend personalisieren. Und schließlich haben wir der Krebsimmuntherapie zu einem Durchbruch verholfen. Sie wird die Behandlung vieler Krebserkrankungen revolutionieren.

Wie funktioniert diese Art der Behandlung?

Sahin: Konzeptionell unterscheiden wir zwei immunologische Therapieformen. Bei der gezielten Krebsimmuntherapie wird das Immunsystem sozusagen auf bestimmte Merkmale der Tumorzellen abgerichtet und kann diese dann gezielt attackieren. Ein Beispiel dafür ist der moniklonale Antikörper Rituximab. Bei den immunmodulatorischen Ansätzen werden bereits bestehende antitumorale Immunantworten verstärkt. Ein Beispiel für diese Behandlungsform ist der CTLA-4-Antikörper Ipilimumab.

 

 

 

 
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Welche Innovationen wird man in den kommenden Jahren aus Ihrem beruflichen Umfeld sehen?

Wir entwickeln monoklonale Antikörper gegen neue Zielstrukturen bei Magen-, Speiseröhren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs sowie bei Ovarial- und Endometriumtumoren. Darüber hinaus prüfen wir rekombinante Impfstoffe gegen verschiedene Krebsarten in frühen Phasen der klinischen Entwicklung. Unser innovativster Behandlungsansatz ist die individualisierte Mutanom-Immuntherapie. Dazu werden über eine Genomsequenzierung zunächst die individuellen Krebsmutationen eines Patienten bestimmt. Anschließend wird aus dem individuellen Mutationsprofil – dem Mutanom – ein maßgeschneiderter rekombinanter Immuntherapie-Impfstoff hergestellt, der das Immunsystem des Patienten spezifisch gegen seine Krebszellen stimuliert.

Was lässt Sie im Zusammenhang mit Immuntherapien von einem Durchbruch sprechen?

Wenn Krebspatienten mit fortgeschrittener Erkrankung auf eine Immuntherapie angesprochen haben, lebt ein signifikanter Teil von ihnen noch viele Jahre nach Therapieende scheinbar krankheitsfrei. Das haben Langzeitstudien gezeigt. Es gibt daher die berechtigte Hoffnung, dass Krebserkrankungen, die früher als infaust eingestuft wurden, prinzipiell durch eine Immuntherapie heilbar sein könnten.

 

 

 

 

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From bench to bedsite: ab wann werden Patienten im klinischen Alltag von den neuen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen einen Nutzen haben?

Während wir sehr gute Resultate in klinischen Studien für verschiedene Krebsarten sehen, sind leider zurzeit potente Immuntherapien in der Regelversorgung nur für Patienten mit schwarzem Hautkrebs verfügbar. In Europa ist hierfür der Antikörper ipilimumab (Yervoy) zugelassen. Wir erwarten für Europa in allernächster Zukunft die Zulassung von anti-PD1 Antikörpern, die bereits in Japan und USA für Patienten verfügbar sind. In 2015 und 2016 erwarten wir die Zulassung dieser Antikörper auch in anderen Krebsindikationen wie z.B. Lungenkrebs. In den kommenden 5 Jahren werden für sehr viele Krebsformen Immuntherapien mit Antikörpern, therapeutischen Impfstoffen und Zelltherapien zum Behandlungsstandard werden. Unser Ziel ist es in diesem Zeitraum auch unsere therapeutischen Antikörper und individualisierten Mutanomimpfstoffe für möglichst viele Krebsformen verfügbar zu machen.

Herr Professor Sahin, vielen Dank für das Gespräch.